Der  deutsch-französische  Krieg.  531

—  —  —  —  —  —

ihren  Brüdern  in  den  Departements  Zeit  zu  geben,  ihr  zu  Hilfe  kommen.  Das  ist  ohne
irgend  welche  Entstellung  die  Situation  von  Paris.“

Allein  trotz  aller  dieser  prahlerischen  Ankündigungen  und  Aufregungen  wurde  doch
die  Blockade  von  Paris  vollständig  durchgeführt.  Die  Belagerung  zog  sich  freilich  von
Woche  zu  Woche,  von  Monat  zu  Monat  hin,  der  Transport  neuer  Geschütze  aus  Deutschland
  war  mit  großen  Schwierigkeiten  verknüpft,  und  vielleicht  hatte  man  auch  auf
deutscher  Seite  eine  gewisse  Angst,  Paris  zu  beschießen,  um  nicht  so  manche  dort  aufgespeicherten
  Schätze  zu  verletzen  oder  gar  zu  vernichten.  Die  Wut  der  Franzosen  über
den  deutschen  Vandalismus  fand  beim  Ausland  willig  Gehör,  man  glaubte,  in  Paris
werde  man  zur  Einberufung  einer  Nationalversammlung  schreiten,  um  dann  Friedensverhandlungen
  anzuknüpfen,  und  Bismarck  gab  diesem  Gedanken  denn  auch  in  einem
Schreiben  an  den  deutschen  Gesandten  Ausdruck.  Allein  man  hielt  sich  in  Paris  mit
eiserner  Zähigkeit  an  dem  Wort  fest:  „Kein  Stein  von  unseren  Festungen“.  Der  Glaube
von  der  Unüberwindlichkeit  der  Republik  wurde  von  niemandem  angezweifelt.  Man
beschloß  denn  auch,  auf  der  revolutionären  Bahn  zu  beharren,  und  um  eine  gesunde
Volksbewegung  in  Szene  zu  setzen,  wählte  man  Gambetta,  den  Advokaten  aus  Südfrankreich,
  der  nun  nach  Tours  übersiedelte,  um  von  dort  aus  seine  Tätigkeit  zu  lenken.
Zuerst  mußte  natürlich  Paris  von  den  deutschen  Barbaren  befreit  sein,  und  deswegen
berief  Gambetta  alle  Mann  bis  zum  vierzigsten  Lebensjahr  zu  den  Waffen,  um  sie  ins
Feld  nachrücken  zu  lassen.  Von  Zeit  zu  Zeit  wurden  denn  auch  energische  Ausfälle
gemacht,  die  indessen  ohne  irgend  ein  bemerkenswertes  Resultat  verliefen.  In  Le  Bourget
hielten  sich  die  Franzosen  nur  zwei  Tage  auf,  Gambetta  setzte  seine  ganze  Hoffnung  auf
die  Mitwirkung  Bazaines  und  die  an  Metz  gebundenen  Heereskräfte.  Allein  noch  ehe
man  die  Organisation  der  Loirearmee  vollenden  konnte,  erfolgte  die  Kapitulation  von
Metz,  derjenigen  Festung,  welche  nicht  weniger  gelitten  hatte  als  Straßburg  am  27.  Oktober.
Ebenso  wenig  wie  die  von  dort  angeknüpften  diplomatischen  Unterhandlungen  hatten  die
verschiedenen  Ausfälle  genützt.  Der  Feind  stand  wie  eine  Mauer,  am  Ende  blieb  dem
Marschall  nichts  übrig,  als  die  Kapitulation,  die  unter  denselben  Bedingungen  wie  bei
Sedan  vor  sich  ging.  Die  gesamte  Armee,  drei  Marschälle,  6000  Offiziere  und  mehr
als  150  000  Soldaten  gerieten  in  deutsche  Kriegsgefangenschaft.  Das  war  ein  Schlag
für  Frankreich,  wie  er  schwerer  nicht  gedacht  werden  konnte.  Allein  man  glaubte  sich
in  Paris  auch  jetzt  noch  mit  allerhand  Phrasen  über  die  Tragik  dieser  Tatsache  hinwegtäuschen
  zu  können.  „Soldaten“,  so  lautete  Gambettas  Proklamation  an  die  Armee,  „Ihr
wurdet  verraten,  aber  nicht  entehrt;  jetzt,  wo  ihr  eurer  unwürdigen  Führer  entledigt
seid,  kämpfet  für  die  Rettung  des  Vaterlandes,  für  euren  heimatlichen  Herd  und  eure
Familien;  für  Frankreich,  eure  Mutter.  Rächet  eure  Ehre,  welche  die  Ehre  des  Landes
ist.  Eure  Brüder  von  der  Rheinarmee  haben  gegen  jenes  feige  Attentat  ihre  Stimme
erhoben  und  ihre  Hände  von  jener  fluchwürdigen  Kapitulation  zurückgehalten.  Führet
ihr  den  Sieg  zu  uns  zurück.  Euch  sind  die  Geschicke  des  Landes  anvertraut."

Während  nun  Gambetta  aufs  neue  die  Truppen  in  Paris  zu  verstärken  suchte,
bemühte  sih  Thiers  in  Versailles  um  einen  Waffenstillstand.  Jetzt  erhob  in  Paris  die
rote  Republik  die  Fahne  der  Empörung,  um  die  Regierung  der  nationalen  Verteidigung
zu  vertreiben.  Allein  die  Waffenstillstandsverhandlungen,  auf  deren  Resultat  man  in
Deutschland  nicht  ohne  Besorgnis  sah,  scheiterten  wiederum,  in  Paris  ergab  die  Volksabstimmung
  eine  zehnfache  Majorität  zu  gunsten  der  Regiernng  und  der  Politik  der

5.