532  Dentschland  in  den  Jahren  1870—1871.

Abweisung.  Man  erwartete  nun  von  manchen  Seiten  ein  energisches  Vorgehen  gegen
die  belagerte  Hauptstadt.

Wohl  hatte  sich  nun  die  Hauptstärke  der  deutschen  Armee,  diesem  Programm  gemäß
auf  Paris  geworfen,  das  es  mit  eisernen  Armen  umklammert  hielt.  Allein  auch  die
übrigen,  dort  nicht  verwendeten  Teile  der  deutschen  Armee  hatten  noch  manchen  harten
Strauß  zu  bestehen.  Ein  Teil  der  durch  die  Kapitulation  von  Metz  zurückgebliebenen
Mannschaft  blieb  als  Besatzung  dort  zurück;  ein  anderer  Teil,  unter  General  von
Manteuffel,  suchte  die  Picardie  und  Normandie  zu  besetzen,  die  Verbindung  mit  dem
Meere  herzustellen  und  der  Nordarmee,  unter  Bourbaki,  den  Weg  nach  Paris  zu  verlegen.
Von  den  närdlichen  Festungen  wurde  eine  nach  der  andern  zur  Uebergabe  gezwungen.
Die  Garnisonen  derselben  wanderten  alle  als  Kriegsgefangene  nach  Deutschland,  nur  die
Felsenfestung  Bitsch  blieb  bis  zum  Friedensschluß  in  französischem  Besitze.

Am  meisten  Schwierigkeiten  hatte  das  14.  Korps  unter  General  von  Werder  zu
bestehen,  welcher  von  Straßburg  auszog,  um  Schlettstadt,  Neu-Breisach  und  Belfort  zu
erobern  und  die  Vogesen  und  den  Jura  zu  besetzen.  Gerade  in  diesen  Berggegenden
nahm  der  Bandenkrieg  eine  unheimliche  Gestalt  an,  die  den  Deutschen  gegenüber  feindliche
Gehässigkeit  der  dortigen  Bevölkerung  war  ein  unheimliches  Element,  dem  man  doch
nirgends  wirksam  begegnen  konnte.  „Wenngleich  die  badischen  Truppen  unter  General
von  Degenfeld  in  Verbindung  mit  einer  preußischen  Brigade  bei  St.  Dié,  Etinal,  Nompatelize,
  Rambervillers  und  anderwärts  die  überlegenen  Kriegsscharen  mit  großer  Tapferkeit
  zurückschlugen  und  die  Wahlstatt  mit  ihrem  Blut  behaupteten,  wenngleich  der  preußische
General  von  Schmerling  die  Festung  Schlettstadt  zur  Uebergabe  zwang  und  Neu-Breisach.
von  wo  aus  das  gegenüber  liegende  Städtchen  Alt-Breisach,  auf  dem  rechten  Rheinufer.
beschossen,  und  selbst  die  Bahnzüge  von  Franctireurs  angefallen  worden  waren,  in  seine
Gewalt  brachte  und  durch  Besatzung  sicherte;  die  Ostarmee,  die  in  der  aufgeregten  republikanischen
  Fabrikstadt  Lyon  anfangs  unter  dem  bei  Sedan  verwundeten  General
Cambriels  formiert  ward,  an  die  sich  nicht  bloß  Garibaldi  mit  französischen  Franctireurs.
und  Mobilgarden,  und  mit  italienischen,  spanischen,  polnischen  Freischaren  unter  seinen
Söhnen  Menotti  und  Ricciotti  und  seinem  Schwiegersohn  Canzio  anschloß,  bei  der  auch
andere  excentrische  Demokratenführer  wie  Cluseret,  ein  französischer  Abenteurer  aus  dem
nordamerikanischen  Krieg,  wie  Cremer,  ein  fanatischer  Republikaner  aus  Lothringen,  wie
der  Pole  Bosak-Haucke  und  sein  Landsmann  Dombrowski,  der  wegen  Teilnahme  am
polnischen  Aufstande  zur  Deportation  nach  Sibirien  verurteilt,  auf  abenteuerliche  Weise
entflohen  war,  und  so  viel  andere  „rote  Elemente“  einen  Tummelplatz  für  ihren  unruhigen
Geist  und  ihre  republikanischen  Doktrinen  suchten;  diese  Ostarmee  sandte  immer  neue
Züge  aus,  stellte  immer  neue  Scharen  aus  der  zuströmenden  brotlosen  Arbeiterbevölkerung
der  südlichen  Städte  ins  Feld.  Lyon  mit  dem  Lager  von  Satonay  und  der  nahen
Fabrikstadt  St.  Etienne  wurde  ein  Herd  republikanischer  Aufregung,  wo  die  rote  Fahne
aufgepflanzt  ward,  und  eine  sozialistische  Partei,  welche  das  Regiment  an  sich  riß,  eine
Zwingherrschaft  mit  Schrecken  und  Gewalt  aufrichtete.  Diese  Erscheinungen  und  vor
allem  das  Auftreten  Garibaldis  gaben  ein  klägliches  Zeugnis  von  der  Zerfahrenheit  der
romanischen  Bevölkerung,  von  der  Macht  der  Phrase  und  Doktrin,  von  den  Widersprüchen
und  Gegensätzen,  in  welchen  sich  die  phantastisch  angelegten  Vorkämpfer  republikanischer
Freiheit  bewegten.  Hat  auch  Garibaldi  schon  in  den  italienischen  Kriegen  bewiesen,  daß
er  für  politische  Dinge  ein  schwaches  Urteil  besitze,  daß  er  ein  tapferer  Haudegen  und