534  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

mutiger  Volkskämpfer  sei,  aber  für  die  Entwickelung  und  Gestaltung  eines  Staatswesens
mit  realen  Grundlagen  und  Möglichkeiten  kein  Verständnis  habe,  daß  er  über  idealistischen
Träumen  und  Zielen  den  Boden  der  Wirklichkeit  verkenne  und  eine  faserige  Vielgeschäftigkeit,
  ein  Hang  zu  Abenteuern  seiner  Natur  tief  eingeprägt  sei,  so  traten  diese  Züge
jetzt  in  auffallendster  Weise  zu  Tage.  Hatte  schon  vor  Jahren  die  Welt  mit  Erstaunen
auf  die  Rolle  geblickt,  die  er  bei  dem  wunderlichen  Kongreß  der  internationalen  Freiheitsund
  Friedensliga  in  Bern  spielte,  so  forschte  man  nun  nach  den  leitenden  Gedanken.
die  sein  gegenwärtiges  Auftreten  zu  erklären  vermochten,  nach  einem  verbindenden  Zusammenhange
  zwischen  Sonst  und  Jetzt,  nach  einem  lichten  Ausweg  aus  dem  Labyrinth
der  Gegensätze.  Derselbe  Mann,  welcher  der  französischen  Nation  es  nie  vergeben  konnte,
daß  sie  seine  Vaterstadt  Nizza  an  sich  gerissen,  trat  nun  als  Kämpfer  für  dieselbe  Nation
ins  Feld  gegen  den  preußischen  Staat,  dem  Italien  die  Erwerbung  von  Venetien,  die
Vollendung  seiner  nationalen  Einheit  verdankte;  derselbe  Mann,  der  erst  vor  zwei  Jahren
durch  die  französischen  Chassepots  von  der  römischen  Campagna  verjagt  worden  war,
dessen  treue  Gefährten  im  ungleichen  Kampfe  auf  dem  Waffenfeld  dahinsanken,  oder  in
römischer  Gefangenschaft  schmachten  mußten,  beteiligte  sich  jetzt  an  einem  Krieg,  dem
Italien  die  Befreiung  Roms  von  der  Hierarchie  und  ihren  französischen  Wächtern  verdankte;
  welcher  allein  die  Erreichung  des  Zieles  ermöglichte,  dem  er  sein  Leben  lang
nachgejagt.  Gelockt  durch  die  klingende  Schelle  von  Republik  und  Demokratie,  welche
durch  das  Gebahren  Gambettas  und  der  Pariser  Regierung  zum  Spott  der  Welt,  zum
heuchlerischen  Spiel  ward,  schlug  er  Nationalgefühl  und  Vaterlandsliebe  in  die  Schanzen,
um  einem  Phantom  nachzurennen,  trat  er  in  den  Dienst  einer  Regierung,  von  der  sich
gerade  damals  seine  Vaterstadt  Nizza  losreißen  wollte.  Von  Bordone,  seinem  alten
Freund  und  Waffengefährten,  auf  Caprera  auf  einem  französischen  Schiff  abgeholt,  begab
er  sich  über  Marseille  nach  Tours  und  erhielt  dort  das  Oberkommando  über  alle  zu
einer  „Vogesenarmee“  vereinigten  Freikorps.  Am  14.  Oktober  traf  er  in  Döte  ein.  Die
Geschichte  Frankreichs  bewies,  daß  die  auswärtige  Politik  unter  allen  Regierungen
denselben  Charakter  trug,  Republik  wie  Monarchie  dieselben  Herrschaftspläne  verfolgten;
es  war  daher  eine  kurzsichtige  Theorie,  wenn  man  zwischen  dem  bonapartistischen  und
republikanischen  Frankreich  unterscheiden  wollte.  Auch  darin  gab  sich  die  Zerfahrenheit
der  Nation  in  Kontrasten  und  Widersprüchen  kund,  daß  die  republikanische  Regierung
durch  die  Verwendung  Garibaldis  und  seines  priesterfeindlichen  Generalstabschef  Bordone,
eines  Manns  von  sehr  zweideutiger  Vergangenheit,  der  strengkirchlichen  Partei  vor  den
Kopf  stieß,  deren  Mitwirkung  und  Unterstützung  sie  doch  wieder  bei  dem  Volke  nicht
entbehren  konnten.

In  dem  Haß  gegen  Deutsche  und  deutsches  Wesen  fanden  sich  alle  einig,  deswegen
tobte  auch  in  den  Wintertagen  des  November  und  Dezember  in  dem  alten  Burgunderlande
  ein  Kampf  so  gefahrvoll  wie  nur  irgend  einer.  Man  hatte  hier  nicht  nur  einen
im  Feld  weit  überlegenen  Feind  zu  bestehen,  das  Land  selbst  gewährte  nur  spärliche
Nahrungsmittel,  und  die  Zufuhr  und  die  Verbindung  mit  der  Heimat  war  aufs  äußerste
beschränkt.

Hier  war  es  namentlich  die  badische  Division,  die  sich  unter  General  von  Ohlumed
ihren  Ehrenplatz  erkämpfte.  Schon  Ende  Oktober  war  Dijon  von  den  Deutschen  genommen
  worden,  nur  Belfort  hielt  sich  in  französischem  Besitz;  die  ganze  Gegend,  vom
Jura  bis  zu  dem  Plateau  von  Langres  war  nun  der  Schauplatz  kleinerer  Gefechte,  die