Der  dentsth-frauzüsischt  Krieg.  1  537

ihr  Ehrenwort  brachen,  nachdem  sie  sich  durch  Verpfändung  desselben  die  Freiheit  der
Bewegung  innerhalb  einer  deutschen  Stadt  erschlichen  haben,  sondern  es  kommt  hauptsächlich
  darauf  an,  das  Verfahren  einer  Regierung  zu  würdigen,  welche  einen  Ehrenwortsbruch
  durch  Aufnahme  des  Wortbrüchigen  in  die  Armee  tatsächlich  gutheißt,  ihn
durch  Agenten  und  Prämien  fördert.  In  den  letzten  Tagen  haben  wir  den  Beweis  erhalten,
  daß  der  gegenwärtige  Kriegsminister  den  Wortbruch  ausdrücklich  gutheißt,  ihn
ermuntert  und  ihn  durch  Barzahlung  zu  belohnen  verheißt.  Ein  in  die  Hände  unserer
Truppen  gefallener  Erlaß  des  Kriegsministers  vom  13.  November:  désirant  encourager
les  officiers  à  s'échapper  du  mains  de  l’ennemie,  verheißt  jedem  aus  Deutschland  Entflohenen,
  abgesehen  von  der  nach  älteren  Bestimmungen  zulässigen  Entschädigung  für
erlittene  Verluste  eine  Gratifikation  von  750  Francs.  Eine  Regierung,  welche  darauf
rechnete,  unter  regelmäßigen  Zuständen  an  der  Spitze  des  Landes  zu  bleiben,  würde
solche  Maßregeln  im  Interesse  der  Zukunft  ihres  Vaterlandes  verschmähen.  Die  Diktatur
aber,  welche  sich  in  Frankreich  der  Gewalt  durch  einen  Handstreich  bemächtigt  hat  und
welche  weder  von  den  europäischen  Mächten,  noch  von  dem  französischen  Volke  anerkannt
ist,  rechnet  mit  der  Zukunft  des  Landes  nur  nach  Maßgabe  ihrer  eigenen  Interessen  und
Leidenschaften.  Die  Machthaber  in  Paris  und  Bordeaux  unterdrücken  das  im  Volke
laut  gewordene  Verlangen  nach  der  Möglichkeit  einer  Willenserklärung  ebenso  gewaltsam,
wie  jede  freie  Meinungsäußerung  in  Wort  und  Schrift;  durch  eine  Schreckensherrschaft,
wie  sie  so  willkürlich  in  keinem  anderen  Lande  möglich  wäre,  zwingen  sie  das  Volk  zur
Hergabe  seiner  Geld=  und  Streitmittel  und  zur  Verlängerung  des  Kriegs,  weil  sie  voraussehen,
  daß  dessen  Beendigung  auch  ihrer  Usurpation  ein  Ende  machen  würde.  Eine  solche
Regierung  bedarf,  um  zu  bestehen,  der  fortdauernden  Erregung  der  Leidenschaften  und
der  gegenseitigen  Verbitterung  der  beiden  kämpfenden  Nationen,  weil  sie  der  Fortdauer
des  Krieges  bedarf,  um  sich  die  Herrschaft  über  ihre  Mitbürger  zu  erhalten.  Diesem
Zwecke  dient  eine  Art  der  Kriegsführung,  welche  den  sittlichen  Begriffen  des  Jahrhunderts
widerstrebt,  und  für  welche,  abgesehen  von  den  eingeborenen  afrikanischen  Elementen  des
französischen  Heeres,  wesentliche  Bestandteile  desselben  nur  durch  die  Entwöhnung  von
europäischer  Kriegssitte  in  überseeischen  Kämpfen  so  weit  verbreitet  werden  konnten,  daß
sie  in  den  militärischen  Traditionen  Frankreichs  keine  allgemeine  Verurteilung  mehr  findet.
Wenn  es  in  der  Absicht  der  Machthaber  in  Frankreich  läge,  nicht  den  Haß  der  beiden
tämpfenden  Nationen  zu  steigern,  sondern  ihnen  die  Herstellung  des  Friedens  zu  ermöglichen,
  so  würden  sie  dem  französischen  Volk  die  Möglichkeit  gewähren,  auf  dem  unfehlbaren
  Wege  freier  Presse  die  Wahrheit  zu  erfahren  und  seine  Meinung  zu  äußern,  und
sie  würden  sich  beeilen,  die  auf  ihnen  lastende  Verantwortlichkeit  mit  den  Vertretern  der
Nation  zu  teilen.  Statt  dessen  sehen  wir,  daß  die  Presse  in  Frankreich  als  Monopol
einer  gewalttätigen  Regierung  und  zur  Entstellung  der  Ereignisse,  zur  Fälschung  der
Situation  und  zur  Ausbentung  der  Vorurteile  benützt  wird,  welche  die  französische  Staatserziehung
  den  Franzosen  bezüglich  ihrer  Ueberlegenheit  und  ihres  Anspruchs  auf  Herrschaft
  über  andere  Völker  systematisch  anerzogen  hat.

Die  Regierung  der  nationalen  Verteidigung  regt  die  Volksleidenschaften  auf,  ohne
irgend  welches  Bestreben,  ihre  Wirkungen  in  den  Schranken  der  Gesittung  und  des  Völkerrechts
  zu  halten;  sie  will  den  Frieden  nicht,  denn  sie  beraubt  sich  durch  ihre  Sprache  und
ihre  Haltung  der  Möglichkeit,  ihn,  selbst  wenn  sie  wollte,  der  von  ihr  erzeugten  Stimmung
  der  Massen  gegenüber  zur  Annahme  zu  bringen.  Sie  hat  Kräfte  entfesselt,  welche