538  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

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sie  nicht  zu  beherrschen  und  nicht  innerhalb  der  Schranken  des  Völkerrechts  und  der
europäischen  Kriegssitte  zu  halten  vermag.  Wenn  wir  dieser  Erscheinung  gegenüber  zur
Handhabung  des  Kriegsrechtes  in  einer  Strenge  genötigt  sind,  welche  wir  bedauern,  und
welche  weder  in  dem  deutschen  Voltscharakter  noch  nach  Ausweis  der  Kriege  von  1864
und  1866  in  unserer  Tradition  liegt,  so  fällt  die  Verantwortung  dafür  auf  die  Personen,
welche  ohne  Beruf  und  ohne  Berechtigung  die  Fortsetzung  des  napoleonischen  Krieges
gegen  Deutschland  unter  Lossagung  von  den  Traditionen  europäischer  Kriegführung  übernommen
  und  der  französischen  Nation  aufgezwungen  haben.

Französische  Truppen,  der  Vortrab  der  zum  Entsatz  von  Paris  herbeieilenden
Loirearmee,  wurden  von  dem  auf  Besehl  des  Kronprinzen  gegen  sie  ausgesandten  bayrischen
General  von  der  Tann  bei  Artenay  erreicht
  und  in  die  „Forsten  von  Orleanszurückgedrängt.
  Motterouge,  der  bisherige
General  dieser  Truppen,  wurde  daraufhin
von  Gambetta  abgesetzt,  und  ihm  zum
Nachfolger  Aurelles  de  Paladine  ernannt.
Nach  dem  blutigen  Gefechte  bei  Coulmiers
krat  von  der  Tann  einen  geordneten
Nückzug  an,  nachdem  seine  Zayern  am
10.  November  von  morgens  7  Uhr  bis
abends  5  Uhr  sich  wacker  geschlagen
hatten.  Der  Rückzug  machte  freilich  im
Hauptquartier  einen  peinlichen  Eindruck,
zumal  Gambetta  sich  natürlich  beeilte,
denselben  zu  einem  französischen  Sieg
aufzubauschen.  Allein  die  blutige  Schlacht
bei  Beaune  le  Rolande  am  28.  November
  unter  dem  Prinzen  Friedrich  Karl
machte  diesen  scheinbaren  Schaden  bald
wieder  gut,  das  dreimal  so  starke
französische  Heer  wurde  verhindert,  über
Fontaineblau  nach  Paris  vorzudringen.
Ebenso  wurde  bei  Loigny  ein  Versuch,  durchzudringen,  unter  dem  Großherzog  von
Mecklenburg  vereitelt,  der  Kampf  kostete  auf  briden  Seiten  viele  Opfer;  allein  es  gelang
nun  dem  Großherzog  von  Mecklenburg  sich  mit  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  zu  vereinigen,
in  viertägigem  Kampfe  wurde  die  französische  Armee  vernichtet  und  zur  Flucht  nach  dem
Süden  gezwungen,  worauf  die  Deutschen  am  4.  Dezember  in  Orleans  einzogen.  Nun
freilich  tat  auch  den  Truppen  dieser  beiden  Heerführer  die  Ruhe  sehr  not,  man  bezog
die  Winterquartiere  und  gönnte  den  Ermüdeten  eine  Zeitlang  Ruhe.  Die  Loire=  und
Westarmee  war  in  Paris  ein  großer  Hoffnungshalt  gewesen.  Auf  dem  Mont  Cleron
hatte  man  Batterien  mit  schwerem  Belagerungsgeschütz  errichtet,  um  von  dort  aus  die
von  Sachsen  und  Württembergern  besetzten  Dörfer  beschießen  zu  können.  Hier  glaubte
nun  General  Ducrot  am  erfolgreichsten  einen  Ausfall  machen  zu  können,  allerhand  Scheinangriffe
  sollten  die  Aufmerksamkeit  des  Feindes  vom  Südosten  ablenken,  man  schlug  unter
einem  furchtbaren  Granatfeuer  acht  Brücken  über  die  Marne  und  drang  in  bedeutender

König  Ludwig  II.  von  Bayern.