Der  deutsch-franzhüsche  Krieg.  539

Ueberzahl  in  die  Dörfer  Brie,  Champigny,  Villiers,  Noisy  ein.  Allein  Sachsen  und
Württemberger  verteidigten  heldenmütig  einen  ganzen  Tag  lang  ihre  Position,  erst  mit
Einbruch  der  Dunkelheit  mußten  sie  Brie  und  Champigny  räumen.  Am  andern  Tage
wurde  von  deutscher  Seite  der  Angriff  erneuert  und  die  verlorene  Position  zurückerobert.
So  schwand  für  Paris  die  Hoffnung  auf  Entsatz  immer  mehr,  obgleich  auch  die  Deutschen
da  und  dort  einen  gar  schweren  Standpunkt  hatten.  Amiens  wurde  besetzt  und  von  da
aus  zogen  die  Deutschen  in  die  Normandie,  Rouen  mußte  ihnen  seine  Tore  öffnen  und
drei  Tage  später  fiel  Dieppe  mit  seinem  trefflichen  Hafen  ihnen  gleichfalls  in  die  Hände.
Ein  Ausfall  bei  Le  Bourget  am  21.  Dezember  mißlang,  da  und  dort  gelang  es  freilich
nicht,  eine  Entscheidung  herbeizuführen,  bei  St.  Quentin  gelang  es  dem  preußischen  General.
von  Goeben,  General  Faidherbe  mit  schweren  Verlusten  zurückzudrängen,  die  Festung
wurde  erstürmt  und  Tausende  von  Gefangenen  sielen  in  deutsche  Hände.

Während  man  seine  ganze  Aufmerksamkeit  den  kriegerischen  Vorgängen  an  der
Seine  und  Loire,  an  der  Somme  und  im  Östlande  Frankreichs  zugewendet  hielt,  bereitete
sich  ganz  im  stillen  der  Ausbau  des  Deutschen  Reiches  vor.  Jetzt  endlich,  wo  Nord,
und  Süd  im  Kampfe  gegen  den  gemeinschaftlichen  Feind  sich  gefunden  hatten,  schien  es
auch  an  der  Zeit,  diesem  Bündnis  eine  dauernde  Gestalt  zu  geben;  jetzt  endlich  glaubte
man  die  Hoffnungen  und  Wünsche,  die  in  so  manchem  deutschen  Herzen  lebten,  erfüllen
zu  können,  und  die  Regierungen  selbst,  namentlich  Baden,  boten  nun  die  Hand  zu  einer
vertragsmäßigen  Einigung.  Im  letzten  Monat  des  Jahres  1870  wurden  die  Vertreter
der  verschiedenen  Regierungen  nach  Versailles  berufen,  um  dort  mit  Bismarck  die  Verträge
  zu  vereinbaren  und  die  Modifikationen  festzustellen,  unter  denen  die  norddeutsche
Bundesverfassung  auch  auf  Süddeutschland  ausgedehnt  werden  sollte.  In  Baden,  Hessen
und  Württemberg  fand  es  gar  keinen  Anstand,  während  die  Verhandlungen  mit  Bayern
schon  schwieriger  waren  und  dann  erst  zu  einem  Ziele  führten,  als  der  Bundeskanzler
sich  mit  Bezug  auf  das  Heerwesen  und  andere  staatliche  Einrichtungen  zu  bedeutenden
Zugeständnissen  verstand.  Schon  hatte  aber  auch  der  jugendliche  König  von  Bayern  an
den  König  von  Preußen  Folgendes  geschrieben:  „Nach  dem  Beitritt  Süddeutschlands  zu
dem  deutschen  Verfassungsbündnis  werden  die  Em.  Majestät  übertragenen  Präsidialrechte
über  alle  deutschen  Staaten  sich  erstrecken.  Ich  habe  mich  zu  deren  Vereinigung  in  einer
Hand  von  der  Ueberzeugung  bereit  erklärt,  daß  dadurch  den  Gesamtinteressen  des  deutschen
Vaterlandes  und  seiner  verbündeten  Fürsten  entsprochen  werde,  zugleich  aber  in  dem
Vertrauen,  daß  die  dem  Bundespräsidium  nach  der  Verfassung  zustehenden  Rechte  durch
Wiederherstellung  eines  deutschen  Reichs  und  der  deutschen  Kaiserwürde  als  Rechte  bezeichnet
  werden,  welche  Ew.  Majestät  im  Namen  des  gesamten  deutschen  Vaterlandes
auf  Grund  der  Einigung  seiner  Fürsten  ausüben.

Ich  habe  mich  daher  an  die  deutschen  Fürsten  mit  dem  Vorschlage  gewendet,  gemeinschaftlich
  mit  mir  bei  Ew.  Majestät  in  Anregung  zu  bringen,  daß  die  Ausübung
der  Präsidialrechte  des  Bundes  mit  Führung  des  Titels  eines  deutschen  Kaisers  verbunden
  werde.“

Indessen  hatte  der  Reichstag  beschlossen,  eine  Deputation  an  den  König  zu  senden,
die  diesem  zu  dem  vereinigten  Beschluß  der  deutschen  Fürsten  Glück  wünschen  und  ihn
zugleich  bitten  sollte,  die  Kaiserkrone  anzunehmen.  „Auf  den  Ruf  Ew.  Majestät  hat  das
Volk  um  seine  Führer  sich  geschart“,  so  lautete  dieselbe,  „und  auf  fremdem  Boden  verteidigt
  es  mit  Heldenkraft  das  frevelhaft  herausgeforderte  Vaterland.  Ungemessene  Opfer