Der  deutsch-franzäsische  Krieg.  511

–  —  —  —  —  —  ——  —  ·

Es  war  des  Königs  Wunsch  gewesen,  daß  der  Empfang  der  Reichstags-Deputation
nach  beendigtem  Gottesdienst  stattfinden  solle.

Gegen  10  Uhr  versammelte  sich  vor  der  Schloßkapelle  auf  der  „Place  d'Armes“,
um  das  Denkmal  Ladwig  XIV.,  der  Kronprinz  mit  seinem  Stabe,  die  Prinzen  des
königlichen  Hauses,  die  deutschen  Fürsten,  die  Generäle  und  Offiziere,  um  Se.  Majestät
zu  erwarten.  Der  König  betrat,  dem  glänzenden  Gefolge  um  wenige  Schritte  voran,
die  Kirche,  nach  allen  Seiten  den  Gruß  der  versammelten  Soldaten  erwidernd,  und  nahm
Platz  zur  Rechten  des  Altars,  an  seiner  Seite  die  Prinzen  und  Fürsten.  Die  vordersten
Reihen  der  linken  Seite  waren  von  den  Abgeordneten  eingenommen.  Nach  dem  Gesang
eines  Militärchors:  „Ehre  sei  Gott  in  der  Höhe“,  und  einem  von  der  Militärmusik  begleiteten
  Choral  hielt  Hof=  und  Divisionsprediger  Rogge  aus  Potsdam  die  Predigt,  die
auf  die  Bedeutung  des  Tages  Bezug  nahm.

Die  Ueberreichung  der  Adresse  fand  um  2  Uhr  in  dem  großen  Empfangssaale  der
Präsektur  statt.  Auf  den  Korridoren,  welche  die  Eintretenden  passieren  mußten,  versahen
Mannschaften  von  der  Stabswache  des  großen  Hauptquartiers  die  Ehrenposten.  Eingeladen
  waren  die  Fürsten  mit  den  höchsten  Chargen  ihrer  persönlichen  Umgebung,  der
Bundeskanzler,  die  Generäle,  die  höheren  Beamten  des  königlichen  Hofstaates.

Se.  Majestät  nahm  am  Ende  des  Saales  Platz.  Zur  Rechten  standen  Se.  Königliche
  Hoheit  der  Kronprinz,  die  Prinzen  Karl  und  Adalbert  von  Preußen,  die  Groß-=herzöge
  von  Baden,  Sachsen  und  Oldenburg,  die  Hergöge  von  Koburg  und  Meiningen,
der  Prinz  Wilhelm  von  Württemberg,  die  Erbgroßherzöge  von  Sachsen,  Mecklenburg-Schwerin,
  Mecklenburg-Strelitz  und  Oldenburg,  der  Hergog  Eugen  von  Württemberg,
der  Erbprinz  von  Hohenzollern.  Es  folgten  die  Generäle  von  Roon,  von  Podbielski,
von  Blumenthal,  von  Hindersin,  von  Kirchbach  u.  a.  General  Graf  von  Moltke  hatte
sich  den  Deputierten  angeschlossen,  die  in  der  Mitte  des  Saales  vor  Sr.  Majestät  Aufstellung
  genommen  hatten.  Zur  Linken  Sr.  Majestät  des  Königs  standen  der  Bundeskanzler,
  die  Herren  vom  Civil=  und  Militär-Kabinet,  die  Flügeladjutanten,  der  Hofstaat.

Tiefe  Stille  herrschte,  als  der  Präsident  Dr.  Simson  die  Feierlichkeit  mit  der
folgenden  Ansprache  an  Se.  Majestät  eröffnet:

„Allerdurchlauchtigster  König,  allergnädigster  König  und  Herr!  Ew.  Königliche
Majestät  haben  huldreich  gestattet,  daß  die  von  dem  Reichstage  des  Norddeutschen  Bundes
am  10.  d.  Mts.  beschlossene  Adresse  Allerhöchstdenselben  in  Ihrem  Hauptquartier  zu
Versailles  überreicht  wird.

Dem  Beschluß  der  Adresse  war  die  Zustimmung  zu  den  Verträgen  mit  den  deutschen
Südstaaten  und  zwei  Verfassungsänderungen  voraufgegangen,  mittelst  deren  dem  künftigen
deutschen  Staat  und  seinem  höchsten  Oberhaupt  Benennungen  gesichert  werden,  auf  denen
die  Ehrfurcht  langer  Jahrhunderte  geruht,  auf  deren  Herstellung  das  Verlangen  des
deutschen  Volkes  sich  zu  richten  niemals  aufgehört  hat.

Ew.  Majestät  empfangen  die  Abgeordneten  des  Reichstages  in  einer  Stadt,  in
welcher  mehr  als  ein  verderblicher  Heereszug  gegen  unser  Vaterland  ersonnen  und  ins
Werk  gesetzt  worden  ist.  Nahe  bei  derselben  sind  —  unter  dem  Druck  fremder  Gewalt  —
die  Verträge  geschlossen,  in  deren  unmittelbarer  Folge  das  Reich  zusammenbrach.

Und  heute  darf  die  Nation  von  eben  dieser  Stelle  her  sich  der  Zusicherung  getrösten,
  daß  Kaiser  und  Reich  im  Geist  einer  neuen  lebensvollen  Gegenwart  wieder  auf-