548  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

In  wenigen  Wochen  wird  ganz  Deutschland  die  Wahlen  zu  dem  ersten  gemeinsamen
Reichstage  vollziehen,  der,  so  Gott  will,  den  Deutschen  Kaiser  bei  der  Heimkehr  von
seiner  Siegesbahn  begrüßen  wird.

Die  Tatsachen  geben  lautes  Zeugnis  dafür,  daß  diese  ganze  deutsche  Entwickelung,
wie  sie  sich  in  den  letzten  Monaten  vollzogen  hat,  aus  dem  Geist  des  deutschen  Volkes
unter  dem  sichtlichen  Walten  Gottes  hervorgegangen  ist."

Indessen  hatte  der  Krieg  seinen  ungestörten  Fortgang  genommen.  Es  war  Moltke
nach  und  nach  gelungen,  unermeßliche  Kriegsvorräte  herbeizuschaffen,  und  es  sollte  nun
mit  dem  lange  verschobenen  Bombardement  von  Paris  begonnen  werden.  In  den  ersten
Tagen  des  Jahres  1871  begann  die  Beschießung  mit  solchem  Erfolg,  daß  ein  Fort  nach
dem  andern  in  die  Hände  der  Deutschen  fiel.  Die  Proklamationen  Trochus,  in  welchen  er
versicherte,  daß  sich  Paris  niemals  zu  einer  Kapitulation  herablassen  werde,  waren  umsonst,
  es  wurde  ihm  eine  Kommission  von  vier  Ministern  und  vier  Generälen  zur  Seite
gesetzt,  die  Angst  in  der  Stadt  wuchs  mit  jedem  Tage,  die  Verheerung,  welche  die
deutschen  Geschosse  dort  anrichteten,  war  eine  unerwartete,  allein  trotz  aller  Beschwerden
von  seiten  der  Pariser  wurde  das  Bombardement  regelrecht  sortgesetzt.  Verstärkte  Artillerieangriffe
  im  Osten  und  im  Norden  sollten  dasselbe  unterstützen,  allein  auch  in  Paris
bereitete  man  sich  nun  zu  einem  letzten  Ausfall  vor.  Ein  Riesenausfall  sollte  den  Gürtel
der  Belagerer  durchbrechen;  die  drohende  Hungersnot,  die  gärende  Stimmung  in  der
Bevölkerung  drängte  zu  einem  entscheidenden  Schritt.  Früh  am  Morgen  des  19.  Januar
  1871  zogen  über  100  000  Mann  von  allen  Waffengattungen  aus,  allein  am  Abend
kehrten  sie  geschlagen  mit  einem  Verlust  von  7000  Toten  in  fluchtähnlichem  Rückzug  in
die  Stadt  zurück.  In  Paris  griff  auf  die  Nachricht  von  dieser  Niederlage  eine  dumpfe
Verzweiflung  Platz,  die  Kapitulation  schien  mehr  und  mehr  zur  Notwendigkeit  zu  werden,
man  entschloß  sich  endlich,  mit  dem  Feinde  in  Unterhandlungen  zu  treten.  Jules  Fauvre
war  es,  der  dieses  schwierige  Werk  übernehmen  mußte.  Sein  Vorschlag  einer  Konvention,
nach  welcher  es  der  Besatzung  von  Paris  gestattet  sein  sollte,  mit  allen  kriegerischen
Ehren  von  Paris  abzuziehen  gegen  das  Versprechen,  einige  Monate  lang  den  Kampf
nicht  mehr  aufzunehmen,  fand  im  Hauptquartier  von  Versailles  keine  Billigung.  Endlich
kam  man  zu  einem  dreiwöchentlichen  Waffenstillstand  überein,  während  dessen  die  Nationalversammlung
  zur  Beratung  des  Friedens  einberufen  werden  sollte.

Damit  war  freilich  das  Blutvergießen  noch  nicht  zu  Ende.  Auf  dem  südöstlichen
Kriegsschauplatz  sollten  die  Franzosen  noch  Leiden  durchmachen,  die  schwer  waren.  Man
hatte  deutscherseits  die  Bedingung  gestellt,  daß  der  Waffenstillstand  sich  nicht  über  Belfort
ausdehnen  solle,  da  man  wußte,  daß  diese  Festung  dem  Falle  nahe  war.  Gegen  die
Bedingung,  daß  dann  auch  die  Armee  Bourbakis  in  ihren  kriegerischen  Bewegungen  ungehindert
  sein  solle,  hatte  man  sich  darüber  geeinigt.  Bei  Nuits,  das  die  Franzosen
besetzt  hielten,  entspann  sich  zwischen  ihnen  und  den  badischen  Truppen  ein  erbitterter
Kampf,  der  mit  dem  Rückzug  der  Franzosen  endigte.  Indessen  hatte  sich  Gambetta  zu
einer  letzten  kühnen  Bewegung  entschlossen.  Bourbaki  sollte  ostwärts  vorrücken,  und  sich
auf  die  Deutschen  werfend,  Belfort  und  den  Oberrhein  befreien,  und  dann  in  das  badische
Oberland  und  in  den  Schwarzwald  vorrücken.  Zugleich  sollte  man  vom  Norden  und
Süden  her  alles  aufbieten,  um  Paris  zu  entsetzen.  Allein  alle  seine  Pläne  scheiterten  an
der  Widerstandskraft  der  Deutschen.  General  von  Werder  gelang  es  nach  einem  scharfen
Gefecht  bei  Villersexel  bei  Hericourt  den  Marsch  Bourbakis  aufzuhalten,  und  in  drei-