550  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

—  ..  ——-q—--—-—----—.—-Frieden

  auf  beiden  Seiten  aufgenommen  wurde,  das  zeigt  einerseits  die  „Provinzial—
Korrespondenz“  vom  1.  Febrnar:  „Mit  dem  Fall  von  Paris  stehen  wir  unerwartet  vor
dem  gänzlichen  Ende  des  Krieges  und  vor  dem  wirklichen  Friedensschlusse.

Das  ist  Mehr  und  Höheres,  als  die  Zuversichtlichsten  noch  vor  kurzem  zu  hoffen
wagten.

Es  sind  erst  wenige  Wochen  her,  da  war  noch  überall,  und  bei  den  Kundigen
nicht  minder  als  in  weiteren  Kreisen,  die  Ueberzeugung  geltend,  daß  nach  dem  Falle  von
Paris  erst  noch  die  volle  Entfaltung  unserer  militärischen  Macht  in  den  Provinzen  Frankreichs
  nötig  sein  würde,  um  die  neu  aufgerufenen  Kräfte  des  Widerstandes  zu  brechen,  —
und  man  wünschte  mit  einiger  Ungeduld  besonders  deshalb  die  Ueberwindung  von  Paris
beschleunigt  zu  sehen,  damit  unsere  Armeen  volle  Freiheit  gewinnen  möchten,  ihre  weiteren
Aufgaben  in  Frankreich  zu  erfüllen.

Noch  in  der  ersten  Woche  des  Januar  war  dies  die  allgemeine  Auffassung  der
militärischen  Lage,  und  die  deutsche  Heeresleitung,  ebenso  wie  unser  Volk,  mußte  sich
darauf  gefaßt  machen,  die  endliche  Niederlage  Frankreichs  erst  noch  mit  dem  Aufwand
weiterer  Kräfte  und  mit  längeren  Opfern  zu  erkaufen.

Da  brachten  zuerst  die  gewaltigen  Siege  des  Feldmarschalls  Prinzen  Friedrich  Karl
über  die  französische  Westarmee  und  des  Generals  von  Göben  über  die  Nordarmee,  sowie
  die  Vereitelung  der  Pläne  Bourbakis  durch  den  heldenmütigen  Widerstand  des  Werderschen
  Korps  —  eine  hoch  erfreuliche  Wendung  der  Aussichten  herbei;  aber  so  zuversichtlich
man  nun  auch  hoffen  konnte,  daß  die  Niederwerfung  Frankreichs  nach  dem  Falle  von
Paris  keine  erheblichen  militärischen  Schwierigkeiten  mehr  bereiten  würde,  so  galt  es
doch  als  gewiß,  daß  die  Fortsetzung  des  Widerstands,  zu  welcher  namentlich  Gambetta
mit  diktatorischer  Gewalt  immer  aufs  neue  antrieb,  ernstlich  versucht  werden  und
noch  eine  langwierige  und  lästige,  wenn  auch  nicht  mehr  gefahrvolle  Kriegführung  nötig
machen  würde.

Aber  wäre  selbst  der  Krieg  tatsächlich  beendigt  gewesen,  so  war  es  doch  nicht  abzusehen,
  wie  und  mit  wem  es  zum  Friedensschlusse  kommen  sollte;  denn  die  Regierung
der  nationalen  Verteidigung  entbehrte  einerseits  noch  aller  staatsrechtlichen  Anerkennung
auch  im  eigenen  Volke,  sie  erschien  andererseits  in  sich  selbst  zwiespältig  und  zerfallen,
und  es  war  kaum  zu  hoffen,  daß  die  Ergebung  von  Paris  und  ein  Abkommen  mit  der
dortigen  Regierung  einen  entscheidenden  Einfluß  auf  das  Verhalten  Gambettas  und  der
Regierung  in  Bordeaux  zu  üben  vermöchten.

Die  Unterwerfung  von  Paris  war  daher  nur  als  ein  gewichtiger  Schritt  zum  glücklichen
  Ende,  aber  nicht  als  das  Ende  selbst  in  Aussicht  genommen.

Es  galt  als  unvermeidlich,  daß  unsere  Heere  noch  auf  lange  Zeit  hinaus  in  Frankreich
  festgehalten  werden  würden.

Dank  der  Umsicht  und  Energie  unserer  Staatsleitung  scheint  es  anders  zu  kommen;
wir  dürfen  jetzt  in  dem  Falle  von  Paris  zugleich  den  Schluß  des  Krieges  und  einen
nahen,  glorreichen  Frieden  begrüßen.

Wenn  es,  wie  zu  hoffen  ist,  gelingt,  durch  den  Pariser  Kapitulationsvertrag  gleichzeitig
  die  Unterwerfung  ganz  Frankreichs  und  einen  Frieden,  wie  Deutschland  ihn  haben
muß,  von  der  Regierung  der  nationalen  Verteidigung  zu  erreichen,  so  wird  damit  eine
der  größten  und  schwierigsten  Aufgaben  der  Politik  in  ebenso  glänzender  und  über-