552  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

—  —  —  .  —-und

  die  Stadt  St.  Denis,  sowie  fast  die  ganzen  Stadtteile  auf  dem  linken  Seineufer
niedergeschmettert.

In  dem  Augenblicke,  wo  der  Widerstand  aufhörte,  wußten  wir,  daß  unsere  Armeen
an  der  Grenze  zurückgetrieben  und  außer  stande  waren,  uns  zu  helfen.  Unterstützt  von
der  Nationalgarde,  welche  sich  tapfer  geschlugen  und  eine  große  Anzahl  von  Leuten  ver—
loren  hat,  hat  die  Armee  am  19.  Januar  ein  Unternehmen  versucht,  das  allgemein  als
ein  Akt  der  Verzweiflung  bezeichnet  wurde.  Dieser  Versuch,  dessen  Zweck  die  Durchbrechung
  der  feindlichen  Linien  war,  scheiterte,  wie  jeder  Versuch  des  Feindes,  die  unsrigen
zu  durchbrechen,  gescheitert  sein  würde.

Trotz  alles  Feuers  unserer  Nationalgarden,  welche  nur  ihren  Mut  zu  Rate  zogen
und  sich  bereit  erklärten,  in  den  Kampf  zurückzukehren,  blieb  uns  keine  Aussicht,  Paris
zu  deblokieren  oder  es  zu  verlassen,  um  nur  die  Armee  nach  außen  zu  wersen  und  sie
in  eine  Entsatz-Armee  umzugestalten.  Alle  Generäle  erklärten,  es  würde  eine  Torheit
sein,  wenn  dieses  Unternehmen  versucht  würde;  die  Werke  der  Deutschen,  ihre  Anzahl,
ihre  Artillerie  machten  ihre  Linien  undurchdringlich;  wir  würden,  wenn  wir  das  Unmögliche
  leisteten  und  ihnen  über  den  Leib  hinwegschritten,  darüber  hinaus  nur  eine  Einöde
von  dreißig  Wegstunden  finden;  dort  würden  wir  vor  Hunger  vergehen,  denn  man  dürfte
nicht  daran  denken,  Lebensmittel  mitzunehmen,  weil  wir  bereits  am  Ende  unserer  Hilfsquellen
  seien.  Die  Divisionäre  wurden  bei  den  Chefs  der  Armee  zu  Rate  gezogen  und
erteilten  Bescheid  wie  sie.  In  Anwesenheit  der  Minister  und  Maires  von  Paris  wurden
diejenigen  Obersten  und  Bataillons-Chefs  berufen,  welche  für  die  tapfersten  galten.  Die
nämliche  Antwort.  Man  konnte  sich  töten  lassen,  aber  man  konnte  nicht  mehr  siegen.
In  diesem  Augenblicke,  als  jede  Hoffnung  auf  Hilfe  und  jede  Aussicht  auf  Erfolg  geschwunden,
  blieb  uns  nach  sicherer  Schätzung  noch  Brot  auf  acht  Tage  und  Pferdefleisch
auf  vierzehn  Tage,  wenn  alle  Pferde  geschlachtet  wurden.  Bei  den  zerstörten  Eisenhahnen,
  den  verdorbenen  Wegen,  der  abgesperrten  Seine  fehlte  viel  an  der  Gewißheit,
bis  zur  Stunde  der  Wiederverproviantierung  auszureichen.  Selbst  heute  noch  leben  wir
in  der  Besorgnis,  das  Brot  und  die  übrigen  Vorräte  könnten  uns  ausgehen,  ehe  die
ersten  Zusendungen  eintreffen.  Wir  haben  daher  über  die  Möglichkeit  hinaus  ausgeharrt
und  scheuen  selbst  die  Möglichkeit  nicht,  die  uns  noch  bedroht,  uns  der  furchtbaren  Gefahr
der  Hungersnot  einer  Bevölkerung  von  zwei  Millionen  Seelen  auszusetzen.

Wir  sagen  es  laut,  daß  Paris  durchaus  und  ohne  Rückhalt  alles  tat,  was  eine
belagerte  Stadt  tun  konnte.  Wir  erteilen  der  Bevölkerung,  die  dem  Waffenstillstande
ihre  Rettung  verdankt,  dieses  Zeugnis,  daß  sie  bis  ans  Ende  heldenmütigen  Mut  und
Ausdauer  bewiesen  hat.  Frankreich,  das  Paris  nach  fünf  Monaten  wiederfindet,  kann
auf  die  Hauptstadt  stolz  sein.

Wir  haben  den  Widerstand  aufgegeben,  die  Forts  übergeben,  die  Enceinte  abgerüstet,
  unsere  Besatzung  ist  kriegsgefangen,  wir  zahlen  eine  Kriegsentschädigung  von
zweihundert  Millionen.

Aber  der  Feind  rückt  nicht  in  Paris  ein;  er  erkennt  das  Prinzip  der  Volkssouveränität
  an,  er  läßt  unserer  Nationalgarde  ihre  Waffen  und  ihre  Organisation,  er
läßt  eine  Divoision  der  Armee  von  Paris  bestehen.  Unsere  Regimenter  behalten  ihre
Fahnen,  unsere  Offiziere  behalten  ihre  Degen;  niemand  wird  als  Kriegsgefangener  aus
der  Umwallung  herausgeführt:  Niemals  hat  sich  ein  belagerter  Platz  unter  so  ehrenvollen