554  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

Wünsche  auf  den  Erfolg  der  nationalen  Verteidigung,  und  die  patriotische  Hingebung,
  welche  alle  Klassen  der  Bevölkerung  und  alle  Parteien  bewiesen,  hat  mich  mit
Bewunderung  erfüllt.

Aber  jetzt,  wo  der  Kampf  unterbrochen  und  die  Hauptstadt  nach  heldenmütigem
Widerstande  gefallen  ist,  jetzt,  wo  jede  vernünftige  Aussicht  auf  den  Sieg  verschwunden
ist,  jetzt  ist  es  Zeit,  von  jenen,  welche  die  Gewalt  usurpiert  haben,  Rechenschaft  zu  verlangen
  für  das  unnötiger  Weise  vergossene  Blut,  für  die  ohne  Grund  aufgehäuften
Trümmer,  für  die  ohne  Kontrolle  verschleuderten  Hilfsquellen  des  Landes.

Das  Schicksal  Frankreichs  kann  nicht  einer  Regierung  ohne  Mandat  überlassen
werden,  welche,  indem  sie  die  Verwaltung  desorganisierte,  nicht  eine  einzige  jener  Autoritäten
  bestehen  ließ,  welche  ihren  Ursprung  dem  allgemeinen  Stimmrecht  verdankten.  Eine
Nation  kann  einer  Regierung  nicht  lange  Gehorsam  schenken,  welche  kein  Recht  hat,  zu
befehlen.  Ordnung,  Vertrauen,  ein  sicherer  Friede  wird  nur  dann  erzielt  werden,  wenn
das  Volk  zu  Rate  gezogen  worden  ist  über  jene  Regierung,  welche  am  meisten  befähigt
ist,  das  Vaterland  von  seinen  Leiden  zu  befreien.  Unter  den  feierlichen  Umständen,  in
welchen  wir  uns  angesichts  der  Invasion  und  des  aufmerksamen  Europas  befinden,  ist
es  nötig,  daß  Frankreich  eins  sei  in  seinen  Bestrebungen,  in  seinen  Wünschen,  in  seinen
Entschließungen.  Dies  ist  das  Ziel,  welches  alle  guten  Bürger  bestrebt  sein  müssen  zu
erreichen.  Was  mich  anbelangt,  gebengt  durch  so  viele  Ungerechtigkeiten  und  bittere
Enttäuschungen,  will  ich  heute  nicht  jene  Rechte  in  Anspruch  nehmen,  welche  ihr  vier
Mal  in  zwanzig  Jahren  mir  freiwillig  übertragen  habt.

Angesichts  des  Unglücks,  welches  uns  umringt,  ist  kein  Raum  vorhanden  für  persönlichen
  Ehrgeiz;  aber,  so  lange  nicht  das  Volk  in  regelmäßiger  Weise  in  seinen  Komitien
versammelt,  seinen  Willen  wird  kundgegeben  haben,  wird  es  meine  Pflicht  sein,  als  wahrhafter
  Repräsentant  der  Nation,  mich  an  dieselbe  zu  wenden  und  ihr  zu  sagen:  Alles
was  ohne  eure  direkte  Beteiligung  geschieht,  ist  ungesetzlich.  Nur  eine  aus  der  Volkssouveränität
  entsprungene  Regierung,  welche  sich  über  den  Egoismus  der  Parteien  zu
erheben  vermag,  wird  im  stande  sein,  eure  Wunden  zu  heilen,  eure  Herzen  der  Hoffnung,
und  die  entweihten  Kirchen  euren  Gebeten  wieder  zu  eröffnen  und  die  Arbeit,  die  Einigkeit
  und  den  Frieden  in  den  Schoß  des  Vaterlandes  zurückzuführen.“  Napoleon.

Die  Friedensverhandlungen  selbst  schildert  die  „Provinzial-Korrespondenz“:  „Die
Friedenshoffnungen  haben  sich  im  Laufe  der  jüngst  verflossenen  Woche  befestigt,  und  wir
dürfen  jetzt  mit  einiger  Zuversicht  der  nahen  Erfüllung  derselben  entgegensehen.

Die  Versammlung  in  Bordeaux  hat  durch  ihre  ersten  Schritte  die  Erwartungen
bestätigt,  welche  sich  an  den  Ausfall  der  Wahlen  knüpften:  der  Geist  patriotischer  Ergebung
  in  die  unabwendbaren  Folgen  der  gewaltigen  Niederlage  Frankreichs  und  vor
allem  die  Einsicht  in  die  absolute  Notwendigkeit  eines  schleunigen  Friedenschlusses  scheint
ihr  ganzes  Verfahren  zu  leiten.

Die  Berufung  auf  Frankreichs  Ehre,  wie  sie  in  den  Aeußerungen  aus  Bordeaux
öfter  wiederkehrt,  hat  im  Zusammenhange  der  sonstigen  Schritte  und  Kundgebungen  der
Nationalversammlung  und  der  neuen  Regierung  augenscheinlich  nicht  mehr  denselben
Sinn,  in  welchem  die  Ehre  Frankreichs  bei  den  früheren  Verhandlungen  als  ein  absolutes
Hindernis  jeder  Abtretung  französischen  Gebiets  bezeichnet  wurde.  Vielmehr  scheint  die
vom  Grafen  Bismarck  früher  geltend  gemachte  Auffassung,  daß  die  Ehre  Frankreichs
nicht  von  anderer  Beschaffenheit  sei,  als  diejenige  anderer  Länder,  und  daß  die  Bedin-