562  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

(vom  Triumphbogen  durch  die  elyseeischen  Felder  und  den  Concordienplatz  bis  zum
Tuileriengarten)  von  deutschen  Truppen  bis  zu  30000  Mann  besetzt  werden  sollte.

Die  Kunde  von  dieser  Vereinbarung  rief  in  Paris  eine  bei  weitem  größere  Erregung
  hervor,  als  die  Bedingungen  des  Friedensvertrages  selbst.  Der  Verlust  von
Elsaß  und  Lothringen  und  die  Auflegung  von  5  Milliarden  schienen  den  Parisern  minder
drückend  als  der  Gedanke,  daß  ihre  vermeintlich  „heilige“  und  „unbesiegliche“  Stadt  von
dem  Feinde  betreten  werden  solle.  So  lange  dies  nicht  geschehen  durfte,  wiegten  sie  ihre
Eitelkeit  weiter  in  dem  Wahne,  daß  Paris  von  den  Deutschen  nicht  bezwungen  sei.  Ihr
unüberwindlicher  Uebermut  bäumte  sich  gegen  die  Forderung,  daß  nunmehr  auch  Paris
dem  Gesetze  des  Siegers  verfallen  solle.

Die  große  Erregung,  welche  sich  darüber  in  der  Bevölkerung  kundgab,  veranlaßte
die  Mitglieder  der  Regierung  Thiers,  Favre  und  Picard  zum  Erlaß  folgenden  dringenden
Aufrufs:

„Einwohner  von  Paris!  Die  Regierung  wendet  sich  an  euren  Patriotismus  und
an  eure  Klugheit;  ihr  habt  das  Schicksal  von  Paris,  von  ganz  Frankreich  in  eurer  Hand,
von  euch  hängt  es  ab,  Hauptstadt  und  Vaterland  zu  retten  oder  zu  verderben!  Nachdem
  ihr  durch  Hunger  bezwungen,  nach  heroischem  Widerstande  dem  siegreichen  Feinde
die  Forts  überliefert  hattet,  und  die  Feldarmeen  sich  jenseits  der  Loire  hatten  zurückziehen
müssen,  war  die  National-Versammlung  genötigt,  die  Verhandlungen  einzuleiten.  Während
des  Verlaufs  von  6  Tagen  haben  die  Unterhändler  alles  aufgeboten,  sie  haben  alles
getan,  was  menschenmöglich  war,  um  weniger  nachteilige  Bedingungen  zu  erlangen;  sie
haben  schließlich  die  Friedenspräliminarien  unterzeichnet,  welche  der  National-Versammlung
  unterbreitet  werden.  Während  der  Erörterung  der  Friedenspräliminarien  würden
die  Feindseligkeiten  wieder  begonnen  haben,  würde  unnütz  Blut  vergossen  sein,  wenn  nicht
der  Waffenstillstand  verlängert  worden  wäre.  Die  Verlängerung  desselben  konnte  nur
erlangt  werden  durch  Einwilligung  in  die  teilweise  und  vorübergehende  Besetzung  bestimmter
  Pariser  Stadtteile.  Wenn  die  abgeschlossene  Konvention  nicht  respektiert  und
der  Waffenstillstand  gebrochen  wird,  so  würde  der  Feind,  der  schon  Herr  der  Forts  ist,
mit  Gewalt  die  ganze  Hauptstadt  besetzen.  Das  Unglück  würde  ganz  Frankreich  erreichen;
  die  schrecklichen  Drangsale  des  Krieges,  welche  bisher  die  Loire  nicht  überschritten
haben,  würden  sich  bis  zu  den  Pyrenden  ausbreiten.  Es  ist  also  die  strenge  Wahrheit,
daß  es  sich  um  die  Wohlfahrt  von  Paris  und  ganz  Frankreich  handelt.  Verfallt  nicht
in  den  Fehler  derjenigen,  welche  uns  vor  8  Monaten  nicht  haben  Glauben  schenken
wollen,  als  wir  sie  beschworen,  von  diesem  Kriege  abzulassen,  der  uns  so  verderblich
werden  sollte.  Die  Linientruppen,  welche  Paris  so  mutvoll  verteidigt  haben,  werden
das  linke  Seineufer  besetzen  und  die  loyale  Ausführung  des  neuen  Waffenstillstandes
sicher  stellen.  Die  Nationalgarde  wird  sich  mit  ihnen  vereinigen,  um  die  Ordnung  in
den  übrigen  Teilen  der  Hauptstadt  aufrecht  zu  erhalten.  Dasselbe  werden  alle  guten
Bürger  tun,  welche  sich  ausgezeichnet  haben  durch  Tapferkeit  vor  dem  Feinde.  Diese
schreckliche  Situation  wird  ein  Ende  finden  durch  den  Frieden  und  durch  die  Rückkehr
des  öffentlichen  Wohlergehens.“

Dieser  Aufruf  fand  anscheinend  bei  dem  größten  Teile  der  Bevölkerung  die  gebührende
  Beachtung;  doch  dauerte  eine  gewisse  Erregung  fort,  es  kam  zu  Ausschreitungen

roher  Leidenschaft  und  zu  einzelnen  Schritten,  welche  eine  Auflehnung  gegen  die  Besetzung
der  Hauptstadt  befürchten  ließen