Der  deutsch-französische  Krieg.  563

Bei  dieser  Stimmung  der  Bevölkerung  von  Paris  lag  der  französischen  Regierung
dringend  daran,  daß  die  Bestätigung  des  Friedensvertrages  in  Bordeaux  rasch  genug  erfolge,
  um  dem  Einzug  der  deutschen  Truppen  womöglich  noch  zuvorzukommen.

Der  Minister  Picard  bat  in  der  dringendsten  Weise  in  Bordeaux,  man  möge  durch
raschen  Beschluß  Paris  vor  dem  Einzuge  bewahren  und  Thiers  mahnte  die  Versammlung
zur  Beschleunigung  der  Beratung,  „um  Paris  einen  großen  Schmerz  zu  ersparen“.

Nach  den  Friedenspräliminarien  hätte  nämlich  nach  erfolgter  Bestätigung  derselben
eine  Besetzung  der  inneren  Stadt  nicht  mehr  eintreten  können.

Der  „große  Schmerz“  sollte  jedoch  Paris  nicht  erspart  werden.  Die  National-Versammlung
  faßte  erst  spät  am  1.  März  ihren  Beschluß,  und  am  Morgen  des  1.  hatte
bereits  der  Einzug  unserer  Truppen  stattgesunden.

Unser  Hauptquartier  hätte,  bei  der  jetzigen  Lage  der  Dinge,  möglicherweise  auf  die
Besetzung  von  Paris  überhaupt  keinen  Wert  mehr  gelegt,  wenn  nicht  die  Kundgebungen
aus  der  Hauptstadt  den  Einzug  zu  einer  Notwendigkeit  gemacht  hätten.

Tatsächlich  konnte  die  Besetzung  von  Paris  unseren  Erfolgen  und  unserem  Waffenruhm
  nichts  mehr  hinzufügen;  nachdem  die  Forts  von  unseren  Truppen  besetzt  und  dadurch
  die  Stadt  vollständig  in  unsere  Gewalt  gegeben  war,  konnte  es  uns  in  militärischer
Beziehung  völlig  gleichgültig  sein,  ob  wir  die  Stadt  selbst  besetzt  hatten  oder  nicht.

Bei  den  tief  zerrütteten  und  völlig  haltlosen  inneren  Zuständen  aber  konnte  eine
eigentliche  und  dauernde  Besetzung  der  Stadt  wenig  Reiz  für  unsere  Armee  haben,  welche
leicht  hätte  in  die  Lage  kommen  können,  an  Stelle  der  ohnmächtigen  französischen  Regierungsgewalten
  den  Pöbel  der  Hauptstadt  zu  zügeln.

Unsere  braven  Truppen  hatten  Besseres  verdient,  als  daß  sie  am  Schlusse  eines
beispiellos  ruhmreichen  Feldzuges  in  die  inneren  Kämpfe  der  Hauptstadt  verwickelt  oder
zum  Polizeidienst  gegenüber  gewissen  Schichten  der  Pariser  Bevölkerung  hätten  gebraucht
werden  sollen.

Im  Interesse  unseres  Heeres  selber  war  daher  eine  längere  Besetzung  von  Paris
keineswegs  wünschenswert.  Wäre  sie  als  wünschenswert  erkannt  worden,  so  würde  sie
auch  begehrt  und  gewiß  ebenso  wenig  verweigert  worden  sein,  wie  uns  Straßburg  und
Metz  verweigert  werden  konnten.

Nachdem  jedoch  die  jüngsten  übermütigen  und  herausforderuden  Kundgebungen
seitens  der  Pariser  den  Beweis  geliefert  hatten,  daß  sie  die  Beweggründe  unserer  Zurückhaltung
  nicht  zu  würdigen  verstanden,  daß  sie  unsere  Mäßigung  nur  mit  Hohn  und  Trotz
erwiderten,  und  sich  für  die  Zukunft  den  Wahn  in  Betreff  der  Unverletzlichkeit  ihrer  Stadt
von  neuem  zurecht  machten,  da  kam  es  unserem  Hauptquartier  darauf  an,  diese  Einbildung
tatsächlich  zu  widerlegen  und  wenigstens  durch  einen  vorübergehenden  Eintritt  unserer
Truppen  in  die  Hauptstadt  festzustellen,  daß  die  Macht  hierzu  uns  nimmermehr  bestritten
werden  konnte,  und  daß  es  nur  unser  freier  Wille  war,  wenn  wir  davon  so  mäßigen
und  kurzen  Gebrauch  gemacht  haben.

Die  Kriegsgeschichte  wird  die  Tatsache  richtig  würdigen,  daß  die
deutschen  Truppen  alle  Forts  um  Paris  besetzt  und  die  Armee  der  Stadt
entwaffnet  hatten,  und  daß  der  deutsche  Kaiser  eine  Heerschau  seiner
Krieger  im  Boulogner  Wäldchen  an  den  Toren  vor  Paris  hielt;  ebenso
wird  aber  die  Geschichte  auch  die  politischen  und  sittlichen  Gründe  würg7

