564  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

digen,  aus  welchen  der  Kaiser  auf  einer  längeren  Besetzung  der  Hauptstadt
seitens  seiner  braven  Truppen  nicht  bestand.“

Parade  vor  Paris.  „Vor  dem  Einzuge  der  ersten  für  die  Besetzung  von  Paris
bestimmten  Truppen  fand  eine  Revue  derselben  vor  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  und  König
bei  Longchamps  vor  Paris  statt.  Am  Mittwoch  (1.)  vormittags  verließ  der  Kaiser  zu
Wagen  Versailles,  um  sich  über  St.  Cloud  nach  Longchamps  zu  begeben,  wohin  ihm  der
Kronprinz,  der  das  Kommando  über  die  Parade  führte,  vorausgeeilt  war,  und  wo  ein
großer  Teil  der  deutschen  Fürsten  sich  versammelt  hatte,  darunter  der  König  von  Württemberg,
  die  Prinzen  Karl,  Albrecht,  Adalbert  von  Preußen,  die  Großherzöge  von  Baden,
Weimar,  Oldenburg  und  Mecklenburg-Schwerin,  der  Herzog  von  Koburg,  die  Prinzen
Luitpold  und  Otto  von  Bayern,  die  Herzöge  von  Altenburg,  Meiningen.  Die  Truppen
gehörten  unserem  6.  und  11.  Armee-Korps  und  dem  2.  bayerischen  Korps  an.  Da  nicht
mehr  als  30000  Mann  auf  einmal  in  Paris  einrücken  sollten,  so  war  von  jedem
Regiment  der  drei  genannten  Armee-Korps  ein  Bataillon  zugezogen  worden.

Gegen  10½  Uhr  traten  die  Truppen  an,  und  von  Bataillon  zu  Bataillon  wälzte
sich  ein  tiefes  Hurrah,  als  ein  Trupp  Offiziere,  der  Kronprinz  voran,  vorbeitritt.  Um
10  Minuten  vor  11  erhob  sich  dann  der  Ruf:  „der  König!“  und  von  Vorreitern  begleitet,
kam  die  Equipage  des  Kaisers,  von  vier  Rappen  gezogen.  Um  11  Uhr,  der  für  die
Heerschau  angesetzten  Stunde,  stieg  der  Kaiser  zu  Pferde  und  ritt  in  scharfem  Trab,  von
seinen  Generälen  und  Heerführern  begleitet,  die  Allee  hinauf  nach  der  Stelle,  wo  ihn
der  Kronprinz  mit  seinem  Stabe  erwartete  und  ihm  salutierend  entgegenritt.  Fast  im
nämlichen  Augenblick  stimmten  die  Musikkorps  längs  der  ganzen  Linie  das  „Heil  Dir
im  Siegerkranz“  an,  und  der  Kaiser  —  seinen  Sohn  dicht  an  seiner  Seite  und  etwa
5—600  Offiziere  hinter  ihm  —  galoppierte  von  rechts  nach  links  die  Front  entlang.
Der  Enthusiasmus  war  ungeheuer,  sagt  ein  englischer  Berichterstatter,  es  war  nicht  das
„Vive  l’empereur“"  der  französischen  Truppen  mit  dem  Schwenken  von  Säbeln  und  dem
unordentlichen  Marschieren.  Das  „Hurrah“  der  Deutschen  war  tief  und  dem  Donner
ähnlich,  aber  nicht  ein  Bajonett  zitterte  in  den  Reihen.  Die  Scene  war  groß  und
würdevoll.

Es  folgte  dann  der  Vorbeimarsch  der  Truppen,  welche  der  Kronprinz  anführte.
Zuletzt  stellte  sich  der  Prinz  an  die  Spitze  seiner  (8.)  Dragoner  und  führte  dieselben
seinem  erlauchten  Vater  vorüber.

Die  letzten  von  den  30  000  Mann  waren  kurz  vor  1  Uhr  vorbeimarschiert  und  auf
dem  Wege  nach  Paris,  während  sich  der  Kaiser  nach  Versailles  zurückbegab.

Der  Einmarsch  in  Paris  war  durch  einen  Vortrab  von  einem  Bataillon  Infanterie,
  einer  Schwadron  Husaren  und  16  Geschützen  am  Morgen  eingeleitet  worden.
Die  Truppen,  die  bei  der  Revue  gewesen,  rückten  mittags  von  Longchamps  auf  drei
Wegen  durch  das  Boulogner  Gehölz  auf  Paris  zu.  Vor  dem  Siegestor  (Arc  de  triomphe),
dessen  pomphafte  Reliefs  die  Siege  der  Revolutionszeit  und  des  Kaiserreichs  verherrlichen,
trafen  die  anrückenden  deutschen  Truppen  zusammen  und  machten  einige  Augenblicke
Halt,  um  sich  zum  Einmarsch  zu  ordnen.

Als  die  Spitzen  der  Truppen  sich  dem  Triumphbogen  näherten,  versuchte  ein  Hausen
von  2  bis  300  Menschen  denselben  durch  einen  Wagen  zu  sperren;  derselbe  wurde  jedoch
mit  großer  Ruhe  von  unsern  Soldaten  weggeschafft,  ein  Zug  Kavallerie  ging  mitten
durch  das  Tor  und  im  übrigen  vollzog  sich  nun  der  Einmarsch  ohne  jede  Störung.