566  Denischland  in  den  Jahren  1870—1871.

schaft.  Die  Läden  waren  infolge  eines  Polizeibefehls  geschlossen.  Die  Menge  verhielt  sich
durchschnittlich  ruhig  und  gemessen.  Wenn  Kavallerie  vorbeigeritten  kam  und  die  Musikkorps
  ihre  klangvollen  Märsche  spielten,  teilte  sich  der  Menge  eine  lebhafte  Bewegung  mit.
Nur  auf  dem  Corcordienplatz  trieben  Banden  von  Gassenjungen  und  Blusenmänner  ihr
Wesen.  Sie  zogen  umher  und  riefen  noch  immer:  à  Berlin,  à  Berlin!

Diese  und  ähnliche  Kundgebungen  hatten  jedoch  einen  mehr  kindischen  als  gefährlichen
  Charakter.  Dagegen  wandte  sich  die  Volkswut  gegen  jeden,  der  es  wagte,  sich  mit
den  Truppen  irgendwie  in  freundlichere  Beziehungen  zu  setzen  oder  ihnen  irgend  eine
Auskunft  zu  geben.

Auch  waren  einzelne  Deutsche,  welche  sich  aus  dem  Gebiete  der  Truppen  entfernten,
der  rohesten  Mißhandlung  und  Lebensgefahr  preisgegeben.

Am  zweiten  Tage  sollte  eine  zweite  Abteilung  der  vor  Paris  lagernden  Truppen
in  die  Stadt  geführt  werden,  und  zwar  das  Gardekorps,  die  Garde-Landwehr  und  das
Königs-Grenadier-Regiment.  Der  Kaiser  hielt  über  diese  Truppen  am  2.,  vormittags,
wiederum  bei  Longchamps  Revue  ab.

Inzwischen  war  jedoch  die  Mitteilung  über  die  Bestätigung  des  Friedensvertrages
im  Hauptquartier  eingetroffen  und  es  erging  demzufolge  am  Nachmittage  des  2.  Befehl
an  die  Truppen,  die  Hauptstadt  am  anderen  Morgen  bis  11  Uhr  wieder  zu  verlassen.

Gleichzeitig  aber  war  von  Versailles  Vorsorge  getroffen,  daß  sämtlichen  Truppen
vor  Paris  noch  Gelegenheit  gegeben  werden  solle,  Paris  zu  sehen,  indem  die  Soldaten
truppweise  ohne  Schußwaffen  in  die  Stadt  geführt  wurden.

Vom  frühen  Morgen  an  entwickelte  sich  auf  den  elysäischen  Feldern  das  regste
militärische  Leben.  Militärs  jeden  Ranges,  Beamte,  die  Feldpost  2c.  kamen  von  Versailles,
  um  einige  Stunden  in  Paris  zuzubringen.  An  allen  Ecken  fanden  den  Tag
hindurch  Konzerte  statt;  vor  dem  Industriepalaste  standen  Hunderte  von  Parisern,  die
den  Leistungen  von  zwei  bayerischen  Musikkorps  zuhörten.  Im  Laufe  des  Vormittags
kamen  die  vier  Garde-Regimenter,  die  Garde-Landwehr  und  zahlreiche  Abteilungen
Kavallerie  hier  an,  die  in  ihrer  Gesamtheit  und  den  bunten  Uniformen  ein  herrliches
militärisches  Bild  boten.  Das  größte  Aufsehen  erregten  die  hünenhaften  Gestalten  unserer
Garde-Landwehr,  die  das  Arndt'sche  „Vaterland“  und  die  „Wacht  am  Rhein“  sangen.

Immer  neue  Züge  von  Truppen  trafen  am  Nachmittage  ein,  es  bewegten  sich  wohl
50  000  Mann  in  den  elysäischen  Feldern.  Auch  der  Kronprinz  machte  am  Nachmittage
nur  in  Begleitung  eines  Adjutanten  eine  Fahrt  nach  Paris  und  durch  die  von  unseren
Truppen  besetzten  Stadtteile  und  wurde  überall  mit  freudigen  Zurufen  begrüßt.

Der  Ausmarsch  der  Truppen  aus  Paris  erfolgte  am  3.  März.  Das  ganze  deutsche
Korps  zog  bei  seinem  Abmarsch  durch  den  Triumphbogen  der  Champs  Elysées.

Und  über  die  Friedensbedingungen  selbst  und  ihre  Beurteilung  von  seiten  Deutschlands
  lesen  wir  eben  dort:  „Die  Friedensbedingungen  von  Versailles  werden  von  den
Freunden  Frankreichs,  namentlich  in  England,  als  allzu  hart  bezeichnet,  —  und  an  den
Vorwurf  der  Härte  werden  zugleich  trübe  Vorhersagungen  über  die  Folge  derselben  für
die  gemeinsame  Zukunft  geknüpft;  solche  Bedingungen,  sagt  man,  können  nur  Rachegedanken
  und  dadurch  neue  Kriege  erzeugen.

Was  die  Härte  der  Bedingungen  betrifft,  so  ist  es  richtig;  die  Bedingungen  sind
hart;  aber  sie  mußten  hart  sein.  Die  Frage  ist  eben  nur,  ob  sie  gerecht  sind,  ob