Glis  Yeutschland  in  den  Jahren  1870  —1871.

Mit  Recht  sagt  ein  hiesiges  Blatt:  „Es  haben  jetzt  nur  noch  wenige  eine  Vorstellung
  davon,  was  Deutschland  in  den  Franzosenkriegen  gelitten  hat;  mit  jeder  Vergleichung
  von  einst  und  jetzt  würde  man  die  Lebenden  in  das  größte  Erstaunen  versetzen.
Deutschland  hat  seiner  würdig  den  Krieg  der  jüngsten  Tage  geführt;  es  hat  nicht  mit
dem  Maße  gemessen,  mit  dem  es  selber  einst  gemessen  worden  war,  und  auch  nicht  mit
dem,  welches  der  Feind  angewendet  haben  würde,  wenn  es  ihm  geglückt  wäre,  unsere
Fluren  im  vorigen  Jahre  zu  überfallen.“

Unsere  Regierung  wie  dem  deutschen  Volke  liegt  jeder  Gedanke  an  bloße  Rachsucht
fern;  —  aber  politische  Großmut  zu  üben  wäre  eine  Versündigung  an  unsern  eigenen
höchsten  Volksinteressen  und  an  unserer  Zukunft  gewesen;  die  Großmut  wäre  um  so
weniger  angebracht,  als  Frankreich,  wie  die  Vergangenheit  und  die  Gegenwart  gleichmäßig
  lehren,  für  jede  Großmut  unempfindlich  ist  und  jeden  Schritt  der  Milde  oder
hochherziger  Rücksichtnahme  nur  als  Schwäche  deutet.

Alle  Stimmen  aus  Frankreich  verkünden,  daß  man  sich  jetzt  zwar  dem  Unvermeidlichen
  füge,  daß  aber  der  Friede  nur  als  ein  Waffenstillstand  zu  betrachten  sei  und  daß
Frankreich  sich  sowohl  für  seine  Niederlagen,  wie  für  die  Friedensbedingungen  Revanche
holen  werde,  sobald  es  dazu  im  stande  sei.  Daran  würde  die  höchste  Großmut  von
unserer  Seite  nichts  ändern;  denn  alle  Großmut,  die  in  den  Jahren  1814  und  1815
zu  Gunsten  Frankreichs  und  auf  Kosten  Deutschlands  geübt  worden,  hat  nicht  verhindert,
daß  dennoch  die  Rache  für  Waterloo  seitdem  das  populärste  Feldgeschrei  aller  Parteien
in  Frankreich  war

Graf  Bismarck  hatte  deshalb  von  vornherein  erkannt  und  angekündigt,  daß  gegen
die  Wiederkehr  solcher  Angriffe,  wie  wir  sie  wiederholt  von  Frankreich  erfahren  haben,
nur  die  ausgiebigsten  materiellen  Bürgschaften  uns  schützen  könnten,  daß  eben,  weil  die
Franzosen  gleich  nach  dem  Fredensschlusse  nur  auf  die  Gelegenheit  sinnen  würden,  uns
mit  einem  neuen  glücklicheren  Kriege  zu  überziehen,  die  einzige  richtige  Politik  sei,  Frankreich
  auf  lange  Zeit  hinaus  zur  erfolgreichen  Kriegsführung  unfähig  zu  machen.

Die  Kriegsentschädigung  von  fünf  Milliarden  erfüllt  den  doppelten  Zweck,  einerseits
  Deutschland  für  die  unmittelbaren  und  mittelbaren  Schäden,  die  es  an  seiner
nationalen  Wohlfahrt  durch  den  Krieg  erlitten  hat  soweit  möglich  schadlos  zu  halten,
andererseits  Frankreich  auf  Jahre  hinaus  in  einem  Maße  zu  belasten,  daß  eine  übermütige
  Kriegspolitik  darin  ein  entscheidendes  Hemmnis  finde.  So  groß  die  Kriegsentschädigung
  ist,  so  kann  dieselbe  doch  nimmer  den  vollen  Ersatz  für  alle  Opfer  und
Verluste,  die  der  Krieg  verursacht  hat,  gewähren,  namentlich  nicht  für  die  tiefe  Störung
und  Gefährdung  des  gewerblichen  Lebens  und  Aufschwunges.  Erst  eine  längere  Dauer
und  Sicherheit  des  Friedens  wird  diese  Schäden  gut  machen  können,  und  dazu  wird  die
Höhe  der  Kriegsentschädigung  insofern  helfen,  als  sie  Frankreich  jedenfalls  auf  längere
Zeit  hinaus  nötigt,  Frieden  zu  halten.

Daß  die  geforderte  Summe  für  Frankreich  nicht  unerschwinglich  sei,  ist  von  der
dortigen  Regierung,  wie  von  der  National-Versammlung  entschieden  bezeugt  worden.
Herr  Thiers  hat  in  demselben  Augenblicke,  wo  er  die  Notwendigkeit  des  Friedensschlusses
verkündete,  mit  vollster  Zuversicht  und  mit  Stolz  von  Frankreichs  ewiger  Jugend  und
unerschöpflicher  Kraft  gesprochen,  und  der  Berichter  statter  der  National-Versammlung  hat
die  Annahme  der  Friedensbedingungen  mit  der  ausdrücklichen  Versicherung  empfohlen,
daß  die  Friedensunterhändler  die  Zahlung  der  hohen  Kontribution  nicht  zugesagt  hätten,