Raiser  Wilhelm  1.  585

Ein  neues  Element  kam  in  die  deutsche  Politik  durch  die  Kolonialbestrebungen.
Im  Jahre  1882  wurde  ein  deutscher  Kolonialverein  gegründet,  und  im  folgenden  Jahre
ein  umfangreiches  Gebiet  an  der  Westküste  Afrikas  in  Angra-Pequena  durch  ein  Bremer
Haus  erworben.  Auch  in  Ostafrika,  wie  in  der  Südsee  erwarb  man  sich  bedeutende
Strecken,  und  im  Jahre  1884  wurde  die  sogenannte  Kongokonferenz  nach  Berlin  berufen,
welche  die  Freiheit  des  Handels  in  dem  Becken  des  Kongo,  seinen  Mündungen  und  den
angrenzenden  Ländern  feststellte.

So  hatten  sich  auf  allen  Gebieten  des  nationalen  Lebens  unter  Kaiser  Wilhelm  I.
neue  Bahnen  eröffnet.  Daß  aber  unter  ihm  auch  das  Herrschertum  im  Glauben  und
Vertrauen  der  Völker  wieder  aufgerichtet  war,  und  daß  die  Deutschen  trotz  der  realistischen
und  materialistischen  Strömung  der  Zeit  doch  sich  den  Sinn  für  die  idealen  Güter
bewahrten,  das  offenbarte  sich  vor
allen  Dingen  bei  den  herrlichen  Festen,
die  Deutschland  in  diesen  Jahren
seiern  durfte.  Am  11.  Juni  1879
feierte  das  Kaiserpaar  seine  goldene
Hochzeit,  und  im  Oktober  1880  die
Vollendung  des  Kölner  Doms.  Im
Jahre  1883  fand  das  schon  erwähnte
Niederwalddenkmalsfest  und  die
vierhundertjährige  Geburtstagsfeier
Luthers  statt.  1885  beging  Fürst
Bismarck  seinen  70.  Geburtstag.  1886
fand  das  25  jährige  Regierungs-Jubiläum
  des  Königs  Wilhelm  sowie
das  400  jährige  Jubiläum  der  Heidelberger
  Universität  statt.  Als  am
22.  März  1887  Kaiser  Wilhelm  seinen
90.  Geburtstag  feierte,  waren  ihm  .-freilich
  schon  manche  Fürsten  und  Kaiser  Wilhelms  I.  letzte  Unterschrift.
Feldherrn  im  Tode  vorausgegangen;
der  unglückliche  Bayernkönig  Ludwig  II.  im  Jahre  1886,  der  ruhmgekrönte  Prinz  Friedrich
Karl  im  Jahre  1885  und  im  Jahre  1886  der  tapfere  Großherzog  von  Mecklenburg.  Die
schwere  Erkrankung  seines  Sohnes  schuf  dem  greisen  Kaiser,  der  keine  Zeit  hatte  müde
zu  sein,  schweren  Herzenskummer,  und  dieser  zehrte  rasch  seine  Lebenskraft  auf.  Am
9.  März  1888,  morgens  um  8¼  Uhr  schlief  Kaiser  Wilhelm  ruhig  ein,  geleitet  von  den
Gebeten  der  Seinigen,  tief  betrauert  von  ganz  Deutschland,  von  der  ganzen  Welt.

Um  die  Mittagsstunde  versammelte  sich  der  deutsche  Reichstag.  Bald  darauf
erschien  Fürst  Bismarck.  „Der  Herr  Reichskanzler  hat  das  Wort.“  Tiefe  Stille  herrschte
bei  den  Worten,  mit  denen  Fürst  Bismarck  mit  thränenerstickter  Stimme  die  Todesnachricht
  überbrachte.  „Mir  liegt  die  traurige  Pflicht  ob,  begann  er,  Ihnen  die  amtliche
Mitteilung  von  dem  zu  machen,  was  Sie  bereits  tatsächlich  wissen  werden,  daß  Se.
Majestät  der  Kaiser  Wilhelm  heute  Vormittag  8/  Uhr  zu  seinen  Vätern  versammelt
worden  ist.  Die  Folge  dieses  Ereignisses  ist,  daß  die  preußische  Krone  und  damit  nach
Artikel  11  der  Reichsverfassung  die  deutsche  Kaiserwürde  auf  Se.  Majestät  Friedrich  III.