Kaiser  Friedrich  III.  587

scheiden  des  ersten  deutschen  Kaisers  aus  unserer  Mitte,  die  mich  tief  bewegen,  leben  im
Herzen  eines  jeden  Deutschen.  Es  ist  deshalb  nicht  nötig  denselben  hier  Ausdruck  zu
geben.  Aber  eines  glaube  ich  Ihnen  dennoch  nicht  vorenthalten  zu  dürfen;  nicht  von
meinen  Empfindungen,  sondern  von  meinen  Erlebnissen,  die  Tatsache,  daß  inmitten  der
schweren  Schickungen,  welche  der  von  uns  geschiedene  Herr  in  seinem  Hause  noch  erlebt
hat,  es  zwei  Tatsachen  waren,  welche  ihn  mit  Befriedigung  und  Trost  erfüllten.  Die
eine  war  diejenige,  daß  die  Leiden  seines  einzigen  Sohnes  und  Nachfolgers,  unseres
jetzigen  regierenden  Herrn,  in  der  ganzen  Welt  Teilnahme  erregten.  Ich  habe  noch  heute
ein  Telegramm  aus  New-York  erhalten,  das  von  der  Teilnahme  erfüllt  war,  und  welches
das  Vertrauen  beweist,  das  sich  die  Dynastie  des  deutschen  Kaiserhauses  bei  allen  Nationen
erworben  hat.  Das  ist  ein  Erbteil,  kann  ich  wohl  sagen,  was  des  Kaisers  lange
Regierung  dem  deutschen  Volke  hinterläßt.  Das  Vertrauen,  das  sich  die  Dynastie
erworben  hat,  wird  sich  auf  die  Nation  übertragen.  Die  zweite  Richtung,  in  der  Se.
Moajestät  einen  Trost  gefunden  hat,  bei  den  schweren  Schickungen  war  diejenige,  daß  der
Kaiser  auf  die  Entwicklung  seiner  Hauptlebensaufgabe,  die  Herstellung  und  Konsolidirung
der  Nationalität  des  Volkes,  dem  er  als  deutscher  Fürst  enge  angehörte,  daß  der  Kaiser
auf  die  Entwicklung,  welche  die  Lösung  dieser  Aufgabe  inzwischen  genommen  hatte,  mit
einer  Befriedigung  zurückblickte,  die  den  Abend  seines  Lebens  verschönte  und  erleuchtete.
Es  trug  dazu  namentlich  in  den  letzten  Wochen  die  Tatsache  bei,  daß  mit  seltener  Einstimmigkeit
  aller  Dynastien,  aller  verbündeten  Regierungen,  aller  Stämme  in  Deutschland,
aller  Abteilungen  des  Reichstages,  dasjenige  beschlossen  wurde,  was  für  die  Sicherstellung
der  Zukunft  des  deutschen  Reiches  auf  jede  Gefahr  hin,  die  uns  bedrohen  könnte  als
Bedürfnis  von  den  verbündeten  Regierungen  empfunden  wurde.  Diese  Wahrnehmung
hat  Se.  Majestät  mit  großem  Trost  erfüllt,  und  noch  in  den  letzten  Unterredungen,  die
ich  mit  meinem  dahingeschiedenen  Herrn  gehabt  habe,  es  war  gestern  —  hat  er  darauf
Bezug  genommen,  wie  ihn  dieser  Beweis  der  Einheit  der  gesamten  deutschen  Nation,
wie  es  durch  die  Volksvertretung  hier  verkündet  worden  ist,  gestärkt  und  erfreut  hat.
Ich  glaube  meine  Herren  —  es  wird  für  Sie  alle  erwünscht  sein,  das  Zeugnis,  das  ich
aus  eigener  Wahrnehmung  aus  den  letzten  Aeußerungen  unseres  dahingeschiedenen  Herrn
ablegen  kann,  mit  in  ihre  Heimat  zu  nehmen,  da  jeder  einzelne  von  Ihnen  einen  Anteil
an  diesem  Verdienste  hat.  Die  heldenmütige  Tapferkeit,  das  nationale  Ehrgefühl,  die
treue  arbeitsame  Pflichterfüllung  und  die  Liebe  zum  Vaterland,  die  in  unserem  dahingeschiedenen
  Herrn  verkörpert  waren,  mögen  sie  ein  unzerstörbares  Erbteil  in  unserer
Nation  sein,  das  uns  der  aus  unserer  Mitte  geschiedene  Kaiser  hinterlassen  hat.  Das
hoffe  ich  zu  Gott,  daß  dies  Erbteil  von  allen,  die  wir  an  den  Geschäften  des  Vaterlandes
mitzuwirken  haben,  im  Krieg  und  Frieden,  in  Heldenmut  und  Hingebung,  Arbeitsamkeit
und  Pflichttreue  bewahrt  bleibe.“

Koiler  Friedrich  III.,  9.  Iärz  bis  15.  Juni  1888.

Am  11.  März  1888  kehrte  Kaiser  Friedrich  totkrank  aus  Italien  heim.  Ihn  rief
die  Pflicht  auf  den  Thron,  und  diesem  Ruf  folgte  er  mit  dem  letzten  Aufgebot  seiner
Kräfte.  Ein  Bild  stolzer  und  unerschütterlicher  Manneskraft,  so  lebte  er  in  der  Liebe