Kaiser  Wilhelm  II.  seit  1888.

In  schwerer  und  ernster  Zeit  übernahm  Kaiser  Wilhelm  II.  die  Regierung.  Jung,
und  wie  deutsche  Reichskritiker  und  Reichsnörgler  sagten  noch  unerfahren  in  der  Politik,
aber,  wie  sich  bald  erwies,  eine  kraftvolle  und  eigenartige  Persönlichkeit  von  ausgeprägter
Individualität  trat  er  die  Herrschaft  über  Deutschland  an.  In  seiner  kaiserlichen  Botschaft
  klang  nun  freilich  das  Wort  von  der  Erbschaft  seines  kaiserlichen  Großvaters,  wie
ein  Ruf  der  Erlösung  von  manchem  Zweifel  und  mancher  Sorge  durch  das  Land.  Denn
auch  in  ihm  lebt,  veredelt  durch  seine  treffliche  Erziehung  und  den  eigenen  Schwung
idealen  Strebens  der  Gedanke  seiner  kaiserlichen  Hoheit,  jener  erhabenen  Souveränität,  die
sich  mit  Stolz  und  Demut  zugleich  „von  Gottes  Gnaden“  nennt.

Am  27.  Januar  1859  in  Berlin  als  ältester  Sohn  des  damaligen  Kronprinzen
Friedrich  Wilhelm  von  Preußen  geboren,  hatte  er  nach  seiner  wissenschaftlichen  und
militärischen  Ausbildung  sich  eifrig  mit  seiner  zukünftigen  Herrscheraufgabe  vertraut  gemacht.
  In  seiner  Thronrede  vom  25.  Juni  1888  hatte  er  ausgesprochen,  daß  er  entgegen
einer  vielfach  verbreiteten  Meinung,  die  ihm  Kriegsgelüste  nachsagte,  seine  ganze  Arbeit
an  die  Erhaltung  des  Friedens  setzen  werde.  „In  der  auswärtigen  Politik  hieß  es,  bin
Ich  entschlossen  Frieden  zu  halten  mit  jedermann,  soviel  an  Mir  liegt.  Meine  Liebe  zum
deutschen  Heer  und  Meine  Stellung  zu  demselben  werden  mich  niemals  in  Versuchung
führen,  dem  Lande  die  Wohltaten  des  Friedens  zu  verkümmern,  wenn  der  Krieg  nicht
eine,  durch  den  Angriff  auf  das  Reich  oder  dessen  Verbündete  uns  aufgedrungene  Notwendigkeit
  ist.  Die  Stärke  unseres  Heeres  zu  Angriffskriegen  zu  benutzen,  liegt  meinem
Herzen  fern.  Deutschland  bedarf  weder  neuen  Kriegsruhmes,  noch  irgend  welcher  Eroberungen,
  nachdem  es  sich  die  Berechtigung,  als  einige  und  unabhängige  Nation  zu  bestehen,
  endgültig  erkämpft  hat.“  Schnell  beseitigte  der  Kaiser  auch  die  Befürchtung,  daß
er  den  Bestrebungen  der  streng  konservativen  Richtung  unter  Hofprediger  Stöcker  sein
Ohr  leihen  würde,  durch  die  Berufung  des  nationalliberalen  Parteiführers  v.  Bennigsen
zum  Oberpräsidenten  der  Provinz  Hannover  im  August  und  des  liberalen  Theologen
Professor  Harnack  an  die  Berliner  Universität  im  September  1888.  In  einer  scharfen
Kundgebung  des  „Reichsanzeigers“  gegen  die  „Kreuzzeitung“  im  Oktober  1889  wurde  bestätigt,
  daß  er  in  Fortsetzung  der  seitherigen  Kartellpolitik,  vor  allem  eine  Verständigung
und  gegenseitige  Schonung  aller  staatserhaltenden  Parteien  anstreben  wolle.  Alle  diese
Kundgebungen  gingen  hervor  aus  vollständiger  Uebereinstimmung  mit  dem  Fürsten
Bismarck,  als  dessen  begeisterter  Verehrer  er  sich  auch  jetzt  noch  wiederholt  zeigte.

Auch  in  der  auswärtigen  Politik  hielt  Kaiser  Wilhelm  zunächst  noch  die  seitherigen
Bahnen  ein.  Aber  eigenartig  und  eindrucksvoll  waren  die  Mittel,  mit  denen  er  seine
Absicht  kundgab,  den  Dreibund  mit  Italien  und  Oesterreich  aufrecht  zu  erhalten,  und  doch
dabei  auch  die  Freundschaft  mit  Rußland  zu  pflegen.  An  der  Spitze  eines  stolzen
Geschwaders  suchte  er  vom  19.  bis  24.  Juli  1889  den  Zaren  in  Kronstadt  und  Petersburg
  auf;  auf  der  Rückreise  besuchte  er  auch  die  Höfe  von  Stockholm  und  Aalesund  und
noch  im  Herbst  dieses  Jahres  suchte  er  auch  den  Hof  von  Italien  auf,  um  gleichzeitig
dem  Papste  einen  Besuch  abzustatten.  Die  Vermählung  seiner  Schwester,  der  Prinzessin
Sofie  mit  dem  Kronprinzen  von  Griechenland  in  Athen  am  27.  Oktober  1889  war  die