Kaiser  Wilhelm  II.  593

von  Caprivi  zu  seinem  Nachfolger.  Der  Verzicht  auf  die  Erneuerung  des  1.  Oktober  1890
ablaufenden  Sozialistengesetzes  ging  bei  dem  Kaiser  Hand  in  Hand  mit  dem  Entschluß,
etwaige  revolutionäre  Erhebungen  der  Sozialdemokratie  mit  eiserner  Faust  niederzudrücken.
Mit  der  Entlassung  Bismarcks  hatte  eine  große  Zeit  ihr  Ende  gefunden;  es  begann
nun  die  Aera  Kaiser  Wilhelms  II.  der  sein  eigener  Reichskanzler  sein  wollte.  An
Bismarcks  Stelle  trat,  wie  schon  erwähnt,  dem  Namen  nach  Caprivi  und  als  Staatssekretär
  des  Aeußeren  wurde  Graf  Herbert  Bismarck  durch  Freiherrn  von  Marschall
ersetzt,  keinen  zünftigen  Diplomaten.  Caprivis  erste  Aufgabe  war  die  Vertretung  einer
neuen  Militärvorlage,  durch  welche  die  Friedenspräsenzstärke  bis  zum  Ende  des  Septennats
um  18  574  Mann  erhöht  wurden.  Die  Vorlage  wurde  angenommen,  aber  mit  einem
Antrag  Windhorsts,  der  unter  underem  die  zweijährige  Dienstzeit  sorderte.  Zwei  Jahre
lang  dauerte  der  Kampf  der  Meinungen  und
dann  erst  erklärte  sich  die  Regierung  für  einen
Versuch  bei  der  Infanterie,  verlangte  aber  für
die  Zeit  vom  1.  Oktober  1893  bis  31.  März  1899
eine  Jahresdurchschnittsstärke  von  492  068  Mann
mit  einem  einmaligen  Aufwande  von  66  und
einer  laufenden  Mehrausgabe  von  64  Millionen.
Da  hierüber  keine  Einigung  zustande  kam,  wurde
der  Reichstag  im  Mai  1883  aufgelöst.  Der  neugewählte
  Reichstag  nahm  die  Vorlage  mit  Abstrich
  eines  Sechstels  an  Mannschaft  und  Geld  an.
Zu  solchen  wiederholten  Erhöhungen  wurde
man  durch  die  fortschreitenden  Rüstungen  Frankreichs
  und  Rußlands  veranlaßt.  Noch  immer
lebten  die  Revanchegelüste  Frankreichs  fort,  und
waren  neuerdings  durch  ein  russisch-französisches
Einverständnis  neu  geweckt  worden.  Schärfer
denn  je  traten  sich  Dreibund  und  Zweibund
gegenüber;  und  erst  nach  dem  Tode  Alexander  III.
trat  eine  Besserung  ein,  so  daß  sowohl  im  Reichskanzler  Fürst  Chlodwig
griechisch=  türkischen  Krieg  eine  Annäherung  von  Hohenlohe-Schillingsfürst.
Deutschlands  und  Rußlands  stattfand,  ohne  daß
dadurch  die  guten  Beziehungen  Frankreichs  und  Rußlands  gestört  worden  wären.  Dagegen
gestaltete  sich  das  Verhältnis  zu  England  sehr  schwankend,  da  dieses  in  der  gewaltigen
Konkurrenz  der  deutschen  Industrie  und  des  deutschen  Handels  eine  Gefahr  für  seine  Weltstellung
  erblickte,  und  dessen  Regierung  dadurch  zu  einer  unfreundlichen  Haltung  Deutschland
  gegenüber  gedrängt  wurde.  Dazu  kam  die  Kolonialfrage  in  Ost-  und  Westafrika,
und  als  Kaiser  Wilhelm  dem  Präsidenten  Krüger  von  Transvaal  zur  Zurückweisung  einer
englischen  Räuberbande,  die  das  Land  annektieren  wollte,  telegraphisch  seinen  Glückwunsch
aussprach,  da  brach  sich  die  englische  Empörung  in  hellen  Flammen  Bahn.  Deutschlands
Haltung  im  chinesisch-japanischen  und  im  griechisch-türkischen  Krieg,  sowie  im  kretischen
Aufstand  steigerte  die  Erbitterung,  da  ein  gutes  Verhältnis  zur  Türkei  und  die  Erwerbung
der  Bucht  von  Kiautschou  (1898)  in  China  im  Gefolge  jener  Ereignisse  sich  vollzogen.
So  kehrte  denn  die  äußere  Politik  inbezug  auf  Rußland  wieder  zu  den  Traditionen
Ebner,  Illustrierte  Geschichte  Deutschlands.  39