594  Dad  neue  deufsche  Reich.

Bismarcks  zurück,  und  die  öffentliche  Meinung  stand  dieser  Wandlung  durchaus  sympathisch
gegenüber.  Nirgends  als  in  Deutschland  konnten  am  Ende  des  Jahres  die  Friedens—
und  Abrüstungsvorschläge  des  Zaren  Nikolaus  II.  willkommener  sein,  da  dessen  ganze
Kraft  durch  seine  innere  Politik  in  Anspruch  genommen  wurde.

Hier  hatten  sich  allmählich  die  wirtschaftlichen  Gegensätze  mehr  und  mehr  zugespitzt,
und  da  in  diesen  Kampf  auch  der  Name  Bismarcks,  der  auch  jetzt  aus  seinem  Herzen  keine
Mördergrube  machte,  hereingezogen  wurde,  gestaltete  sich  für  den  Kaiser  und  seine  Regierung
die  Lage  immer  unerquicklicher.  Ein  geradezu  unverständlicher  Mißgriff  Caprivis  goß  Oel
in  das  Feuer.  Als  Bismarck  1892  zur  Hochzeit  seines  Sohnes  nach  Wien  fuhr  und  überall
demonstrative  Begeisterung  ihn  begrüßte,  verbot  der  Reichskanzler  dem  deutschen  Botschafter
in  Wien  an  der  Hochzeit  teilzunehmen,  und  gestattete  ihm  nur  den  koventionellen
Verkehr  mit  dem  Fürsten.  Im  folgenden  Jahre  erst  kam  eine  Aussöhnung  zwischen
diesem  und  dem  Kaiser  zustande.  Schon  dadurch  war  Caprivis  Stellung  sehr  erschüttert,
  und  die  Abschwächung  einer  sehr  reaktionären  Umsturzvorlage  des  Grafen
Eulenburg  gab  ihm  den  Rest.  Am  26.  Oktober  1894  erhielt  er  seine  Entlassung,  und
an  seine  Stelle  trat  Fürst  Chlodwig  von  Hohenlohe-Schillingsfürst,  dem  freilich  schon  vermöge
seines  hohen  Alters  (er  starb  im  Juli  1901)  eine  Initiative  in  irgend  einer  Art  nicht
mehr  möglich  war.  Die  Führung  der  preußischen  Regierung  ging  mehr  und  mehr  in  die
Hände  des  klugen  Finanzministers  Miquel  über,  der  freilich  infolge  seiner  gar  zu  großen
Klugheit  sich  bei  allen  Parteien  unbeliebt  machte,  und  mit  seiner  Sparsamkeitspolitit
neue  wirtschaftliche  Konflikte  aller  Art  hervorrief.  Ein  erfreuliches  Moment  in  diesen
Wirrnissen  bildete  die  Annahme  des  bürgerlichen  Gesetzbuches  am  1.  Juni  1896,  denn  es
bildete  den  Schlußstein  der  errungenen  Rechtseinheit.  In  demselben  Jahre  ging  eine
Militärvorlage  durch,  welche  die  Zahl  der  Bataillone  erhöhte,  und  eine  bessere  Ausbildung
der  Armee  möglich  machte;  während  eine  Reform  des  Militärstrafprozesses  mit  mündlichem
Verfahren  und  Oeffentlichkeit  der  Hauptverhandlung  nach  bayrischem  Muster  erst  im
Jahre  1900  zustande  kam.  Eine  Marinevorlage,  die  70  Millionen  Mark  für  neue  Schiffe,
zum  Schutze  des  auswärtigen  Handels  und  der  Deutschen  im  Auslande  forderte,  stieß  auf
lebhaftem  Widerspruch  im  Reichstag,  der  nichts  von  „uferlosen  Flottenplänen“  und  „Weltpolitik“
  wissen  wollte.  Allein  infolge  einer  lebhaften  Flottenagitation  wurde  die  neue
Vorlage,  die  bis  zum  Jahre  1904  eine  Flotte  von  19  Linienschiffen,  8  Küstenpanzern  und
42  Kreuzern  in  Aussicht  nahm,  schließlich  am  10.  April  1898  genehmigt.  Am  20.  Juni
1895  konnte  der  Nordostseekanal  eröffnet  werden,  während  dagegen  der  große  Plan  eines
Rhein-Elbe-Kanals  von  den  Konservativen  zu  Fall  gebracht  wurde.

Zu  einem  ausgedehnten  Kolonialbesitz  war  bereits  der  Grund  gelegt.  Am
1.  Januar  1891  wurde  die  deutsche  Herrschaft  an  der  ostafrikanischen  Küste  proklamiert,
und  v.  Soden  wurde  der  erste  Gonverneur  von  Ost-Afrika.  Infolge  einiger  kriegerischer
Verwicklungen  mit  den  Eingeborenen  erhielt  Oberstleutnannt  von  Scheele  die  Leitung  der
Kolonie;  die  wirtschaftliche  Entwicklung  derselben  kam  freilich  auch  jetzt  nicht  recht  vorwärts.
  Nun  übernahm  1895  der  bekannte  Afrikareisende  Major  von  Wißmann  das
Gouvernement,  allein  die  Kämpfe  dauerten  fort  und  schon  im  Jahre  1896  wurde  Wißmann
  durch  Oberst  Liebert  ersetzt.  Allein  die  Kämpfe  in  den  Kolonien  dauerten  fort;
zudem  stieß  man  da  und  dort  mit  den  Interessen  der  Engländer  oder  Franzosen  zusammen,
  und  einen  eigentlichen  Erfolg  hatte  man  nur  durch  einen  am  6.  März  1898
abgeschlossenen  Vertrag,  durch  welchen  die,  wie  schon  kurz  erwähnt,  Verpachtung  der