Kaiser  Wilhelm  II.  5909

Deutschen  wiederum  wesentlich  beteiligten,  konnte  endlich  anfang  Juni  der  Krieg  als
beendigt  angesehen  werden  und  die  Truppen  wurden  zurückgegogen.  Graf  Waldersee
legte  nun  den  Oberbefehl  nieder  und  kehrte  nach  Deutschland  zurück;  nur  eine  vertragsmäßig
  ausbedungene  Besatzungsbrigade  blieb  zunächst  noch  im  Lande  stehen.  Der  Kaiser
von  China  sprach  in  einem  Schreiben,  das  sein  Bruder,  Prinz  Tschun  im  September  am
Berliner  Hof  überbrachte,  förmlich  sein  Bedauern  über  das  Geschehene  aus.

Inzwischen  hatte  am  16.  Oktober  1900  der  Reichskanzler  Fürst  Hohenlohe  wegen
hohen  Alters  seine  Entlassung  erbeten  und  erhalten;  zu  seinen  Nachfolger  wurde  der
bisherige  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Graf  von  Bülow  ernannt,  dem  am
23.  Oktober  der  bisherige  Unterstaatssekretär  Freiherr  von  Richthofen  im  Amte  folgte.
Da  die  Reichsregierung  die  Unternehmungen  in  China  ohne  Befragen  des  Reichstags
ausgeführt  hatte,  erbat  sie  nach  Wiedereröffnung
desselben  im  Dezember  1900  bei  Vorlegung  eines
Nachtragsetats,  betreffend  die  Kosten  der  Expedition
  Indemnität  für  ihr  Vorgehen,  die  auch
von  den  meisten  Parteien,  wenngleich  mit  scharfem
Tadel,  gegeben  wurde.  Im  Juli  1901  veröffentlichte
  die  Regierung  den  Entwurf  eines  neuen
Zolltarifs,  der  von  den  liberalen  Parteien  namentlich
  wegen  Erhöhung  der  Getreidezölle  heftig  bekämpft
  wurde.  Während  der  Flottenmanöver
bei  Danzig  fand  im  September  auch  eine  Begegnung
  des  Kaisers  mit  den  Zaren  statt,  bei
der  das  fortdauernde  gute  Einvernehmen  zwischen
beiden  Staaten  ausdrücklich  betont  wurde.

Das  Jahr  1902  ist  hauptsächlich  bedeutsam
durch  die  Erneuerung  des  Dreibundes  am
28.  Juni  deren  Bedentung  in  erster  Linie  darauf
beruht,  daß  dadurch  das  mitteleuropäische
Friedensbündnis  in  unveränderter  Gestalt  verlängert
  wurde.  Nicht  weniger  bedeutungsvoll
erschien  die  Reise  des  Prinzen  Heinrich  nach  Reichskanzler  Graf  von  Bülow.
Amerika,  wo  derselbe  einen  begeisterten  Empfang
fand.  Vom  22.  bis  28.  Februar  weilte  Prinz  Heinrich  in  New-York  und  Washington,
machte  dann  vom  1.  bis  10.  März  eine  Reise  durch  eine  Reihe  amerikanischer  Städte,  und
kehrte  am  11.  März  in  die  Heimat  zurück,  wobei  der  Kaiser  Anlaß  nahm  an  den  amerikanischen
  Präsidenten  warme  Worte  des  Dankes  für  die  Aufnahme  seines  Bruders  in  der
neuen  Welt  zu  richten.  Unermüdlich  war  der  Kaiser  auch  in  diesem  Jahre  bald  da  und
dort.  Sein  Besuch  in  Posen,  eine  seiner  ernsten  Reden  dort  und  vorher  auf  der  Marienburg
  veranlaßt  durch  das  herausfordernde  Benehmen  der  Polen  war  von  nachhaltigem
Eindruck,  König  Georg  von  Sachsen,  der  seinem  am  19.  Juni  verstorbenen  Bruder  Albert
in  der  Regierung  nachfolgte,  traf  am  13.  September  zum  Besuch  in  Potsdam  ein,  und  ihm
folgte  im  Oktober  der  Besuch  des  Kronprinzen  von  Dänemark,  durch  den  eine
lang  herrschende  Verstimmung  zwischen  Deutschland  und  Dänemark  nun  endlich  beseitigt
erschien.  Kaiser  Wilhelm  selbst  weilte  im  November  mehrere  Wochen  in  England.