Verwert.  IX

Werke  unauffindbar  geblieben  sind,  so  erklärt  sich  dies  aus  allgemeinen  Mängeln
unseres  Bibliothekswesens,  auf  die  ich  zum  Schluß  noch  kurz  zurückkommen
werde.

Ganz  und  gar  versagten  die  Bibliotheken  für  die  in  den  letzten  Jahrzehnten
zu  so  großem  Umfang  angeschwollenen  zumeist  aus  Privatdrucken  bestehenden
Veröffentlichungen  der  einzelnen  studentischen  Korporationen  und  ihrer  Verbände.
  8o  geringwertig  ein  großer  Teil  dieser  Drucksachen,  jede  für  sich  genommen
  auch  ist,  so  durften  sie  in  einer  erschöpfenden  Universitäts-Bibliographie
doch  nicht  fehlen,  wenn  sie  die  Quellen  für  die  Kenntnis  des  Studentenlebens
unserer  Zeit,  wie  es  wirklich  ist,  darbieten  sollte.  Wir  haben,  nachdem  andere
Versuche  fast  ganz  erfolglos  geblieben  waren,  im  Januar  1898  an  alle  studentischen
  Korporationen  auf  den  deutschen  Universitäten  (nahezu  1000  an  Zahl)  ein
Rundschreiben  versandt  mit  der  Bitte,  ung  alle  von  ihnen  ausgegangenen  Druckschriften
  im  Original  vorzulegen.  Der  Erfolg  auch  dieser  Maßregel  blieb,  wie
vorauszusehen  war,  ein  sehr  ungleicher,  je  nachdem  sich  zufällig  in  dem  betreffenden
  Kreise  eine  Persönlichkeit  fand,  die  für  solche  Bestrebungen  Verständnis  hatte,
oder  nicht.  Ein  Teil  der  vorgelegten  Schriften  ist  auf  meine  Bitte  von  den  Einsendern
  der  Berliner  Universitäts-Bibliothek  als  Besitz  überlassen  worden,  in  welcher
infolge  dessen  wenigstens  eine  kleine,  freilich  durchaus  zufällige  Auswahl  dieser
sonst  meist  ganz  unerreichbaren  Sachen  dauernd  zugänglich  sein  wird.  Vielleicht
gibt  unser  Verzeichnis  Veranlassung,  daß  in  Zukunft  die  einzelnen  Universitäts-Bibliotheken
  sich  der  Sammlung  dieser  Schriften  annehmen,  die  zur  Zeit  ihres
Erscheinens  des  Aufhebens  kaum  würdig  erscheinend,  doch  dem  zukünftigen  Geschichtsschreiber
  der  Universität,  der  nicht  nur  die  fable  convenue,  sondern  das
wirkliche  Leben  der  Studentenwelt  darstellen  will,  von  Wert  sein  werden.  Man
vergesse  bei  der  Beurteilung  der  auch  auf  die  Sammlung  dieser  so  geringfügigen
Dinge  verwendeten  großen  Mühe  doch  nicht,  wie  wertvoll  uns  heut  jedes  aus  den
Studentenkreisen  früherer  Zeit  herrührende  Schriftchen  ist.

Schon  die  wenigen  literarischen  Denkmäler  über  das  Tun  und  Treiben  der
wesentlich  nur  geselligen  Vereinigungen  der  alten  Landsmannschaften  und  der
Orden  sind  heut  geschätzt  und  gesucht,  noch  viel  mehr  die  Literatur  über  die  Anfänge
  der  Burschenschaft,  die  freilich  durch  ihr  Eintreten  für  die  höchsten  nationalen
Ziele  und  durch  die  in  freiem  Geiste  versuchte  sittliche  Erneuerung  des  Studentenlebens
  sich  weit  erhebt  tiber  die  Durchschnittsbedeutung  aller  studentischen  Bestrebungen
  der  vorhergehenden  und  der  nachfolgenden  Zeit.  Zweifellos  wird  die
Zeit  kommen,  wo  auch  die  literarischen  Niederschläge  der  studentischen  Bestrebungen
  von  heute  dem  ernsthaften  Geschichtsschreiber  ein  Interesse  abgewinnen
werden.

Von  Privatbibliotheken  wurde  mir  die  Benutzung  der  eigenen  für  die
Geschichte  des  Studentenliedes  reichhaltigen  Sammlung  durch  Herrn  Professor  Max
Friedisender  in  Berlin  in  liebenswürdigster  Weise  gestattet;  zwei  von  Ungenannten
angelegte  Sammlungen  studentischer  Literatur,  die  einige  Ausbeute  gewährten,  konnte
ich,  die  eine  durch  das  freundliche  Entgegenkommen  des  Herm  Dr.  Gustav  Heinrich
Schneider  in  Berlin,  die  andere  durch  das  der  Buchhandlung  von  Breslauer  und
Meyer  in  Berlin  benutzen.  Einige  sonst  nicht  auffindbare  Werke,  sowie  vereinzelte
wichtige  Nachweise  verdanke  ich  den  Herren  Oberbibliothekar  Dr.  W.  Altmann
in  Berlin,  Direktor  Dr.  K.  Boysen  in  Königsberg,  Bibliothekar  Dr.  K.  Ebel  in