70  I.  Stand  der  Schulkinderspeisungen.

unserer  kleinen  Schrift  gingen  wir  seinerzeit  im  allgemeinen  auf
einzelne  Ursachen  etwas  näher  ein.  Mit  dem  Hinweis  auf  die  große
Zahl  der  in  Fabriken  tätigen  verheirateten  Arbeiterinnen  (rund  250  000)
wurde  auf  die  wahrscheinlich  nicht  geringere  Zahl  schulpflichtiger
Kinder  dieser  Frauen  hingewiesen,  deren  Mütter  infolge  dieser  außerhäuslichen
  Erwerbstätigkeit  für  die  Bereitung  eines  wermen  Mittagessens
  und  wohl  auch  zumeist  eines  Frühstücks  keine  Zeit  erübrigen
konnten.  Andererseits  spielt  besonders  im  Winter  die  stärkere  Arbeitslosigkeit
  keine  geringe  Rolle,  betrug  doch  für  Berlin  im  Jahre  1895  die
Zahl  der  durch  die  Arbeitslosigkeit  der  Eltern  gefährdeten  Kinder
ungefähr  20  000.  Wie  sehr  Erkrankung  des  Vaters  als  Ernährer  oder
der  Mutter  als  Leiterin  des  Haushalts  das  knappe  Budget  einer
Arbeiterfamilie  erschüttert,  den  Kindern  manchmal  aus  physischer
Unmöglichkeit,  dann  wieder  durch  größere  Einschränkungen  eine  ausreichende
  Ernährung  vorenthält,  ist  ja  bekannt.  Für  eine  zahlreiche
Familie  reicht  das  Krankengeld  des  Vaters  absolut  nicht  aus,  um  den
Nährbedarf  der  Familie  zu  decken,  und  eine  weitgehende  Familienversicherung,
  die  in  weitschauender  Vorbeugungspolitik  für  diese
Fälle  den  Familienangehörigen  als  späteren  Krankenkassenmitgliedern
die  notwendige  Fürsorge  angedeihen  läßt,  besitzen  wir  nur  in  den
allerersten  Anfängen.  Bei  Beantwortung  der  Fragen  über  die
Ursachen  spielt  noch  die  Art  der  Armenfürsorge  eine  sehr  bedeutende
Rolle.  Städte  wie  Hamburg  nehmen  wegen  vorübergehender
Arbeitslosigkeit  zahlreiche  Familien  mit  schulpflichtigen  Kindern  in
die  Armenpflege  auf,  andere  Städte  tun  dies  in  geringerem  Umfange,
besitzen  jedoch  überhaupt  eine  große  Zahl  armenunterstützter  Familien.
Freimütig  wird  jedoch  von  allen  Städten  hervorgehoben,  daß  eine
entsprechende  ausreichende  Ernährung  der  schulpflichtigen  Kinder
dieser  Eltern  durch  Erziehungsbeiträge  nicht  gewährleistet  sei.  Für
alle  diese  Ursachen  wollten  wir  noch  weiteres  Material  erbringen.
Das  Resultat  ist  getrennt  nach  den  einzelnen  Speisungsarten  in
Tabelle  XIII  zusammengestellt.

Leider  beantworteten  kaum  20  %  der  Städte  mit  Speisungseinrichtungen
  die  gestellten  Fragen.  Immerhin  wird  durch  die  gemachten  Angaben
  ein  bestimmter  Einblick  gewährt.  Als  die  Hauptursachen  mangelnder
  häuslicher  Speisung  sind  dauernde  Armut,  Tod  oder  Krankkheit  eines
der  beiden  Ernährer  anzusehen.  Arbeitslosigkeit  und  außerhäusliche
Tätigkeit  der  Mutter  spielen  nach  diesen  Angaben  nur  eine  untergeordnete
  Rolle.  Auffallende  Unterschiede  hinsichtlich  der  Ursachen
des  Fehlens  des  ersten  oder  zweiten  Frühstücks  oder  des  Pittagessens
  können  eigentlich  nicht  entdeckt  werden.  Wie  unsicher  im  allgemeinen
  derartige  Angaben  sind,  kann  z.  B.  aus  den  Angaben  für
die  Danziger  Schulspeisung  entnommen  werden.  Hier  *  auffallend
  hohe  Zahlen  für  die  Kränklichkeit  der  Kinder  angegeben,  und
als  eine  wesentliche  Ursache  öffentlicher  Fürsorge  wird  auch  die  große
Kinderzahl  mancher  Familien  bezeichnet.  Beide  Ursachen  dürften
wohl  in  vielen  anderen  Städten  mit  Speisungseinrichtungen  eine
größere  Rolle  spielen,  als  nach  den  vereinzelten  Angaben  der  Tabelle
angenommen  werden  könnte.