92  II.  Ernährungsverhältnisse  der  Volksschuljugend  im  allgemeinen.

hoch  ist  der  Prozentsatz  von  Kindern  ohne  häusliches  Frühstück  in
Straßburg  mit  8%,  doch  gilt  dies  nur  für  eine  geringe  Zahl  von
Kindern  einer  Schule.  Für  Elberfeld,  Dortmund,  Oberhausen  und
Weißenfels  mit  1,5%  finden  sich  mehr  hungrige  Kinder  für  den  Schulbeginn
  als  in  Berlin  mit  1,4  im  Dezember  1907  und  1%  im  März  1908.

Hinsichtlich  des  Mittagessens  ist  der  Prozentsatz  der  Kinder  mit
kaltem  Imbisse  mit  3,1%  um  etwa  50%  geringer  als  im  Winter  mit
4,996.  Dieses  Ergebnis  im  Zusammenhange  mit  der  Zahl  der  Kinder,
die  bei  Privaten  oder  durch  öffentliche  Fürsorge  gespeist  werden  (1,1%½
gegenüber  220  im  Sommer),  macht  es  allerdings  wahrscheinlich,  daß
estimmte  Ursachen,  die  zur  Verabreichung  eines  kalten  Imbisses  den
Anlaß  gaben,  den  Sommer  über  von  geringerer  Bedeutung  zu  sein
scheinen  als  im  Winter.  Auffallend  hohe  Zahlen  für  ein  kaltes  Mittagessen
  in  der  wärmeren  Jahreszeit  finden  sich  in  Zehlendorf  mit  24%,
in  Wilhelmshaven  mit  8%  und  in  Gießen  mit  49%  der  Kinder.  Für
die  letztere  Stadt  hat  sich  jedoch  die  Befragung  nur  auf  eine  Schule
eines  Armenviertels  beschränkt,  die  Feststellung  ist  aber  gerade  aus
diesem  Grunde  von  besonderer  Bedeutung.  Die  Unterschiede  zwischen
Sommer  und  Winter  hinsichtlich  der  Verabreichung  eines  kalten  und
warmen  Abendesses  (56.8  und  40,8%  gegenüber  48,1  und  46,7%  im
Winter)  sind  nicht  so  groß,  um  andere  Verhältnisse  zu  vermuten.  Die
geringe  Zahl  von  4196  Kindern,  d.  s.  1,8%,  die  abends  als  Ersatz  für
ein  kaltes  Mittagessen  (3,1%)  eine  warme  Hauptmahlzeit  erhalten,  zeigt
leider,  daß  1,3%  der  Kinder  weder  mittags  noch  abends  eine  warme
Mahlzeit  erhalten.  Auch  die  Zahl  der  armen  Geschöpfe,  die  abends
hungrig  zu  Bette  gehen  müssen,  ist  mit  0,6%  nach  diesen  Feststellungen.
höher  als  im  Winter  mit  0,4%.  Besonders  hoch  ist  die  Zahl  der
abends  hungernden  Kinder  in  Tarnowitz  mit  1,7,  in  Königshütte  mit
1,2  und  in  Elberfeld  mit  1,4  %.

b)  Ursachen  mangelnder  Speisung.

Die  vorangegangenen  Ausführungen  sollten  zur  Erläuterung  der  in
den  Winter=  und  Sommertabellen  angegebenen  Werte  dienen.

Wir  sind  hierbei  noch  mit  keinem  Worte  auf  die  Ursachen  eingegangen,
die  zu  diesen  Verhältnissen  geführt  haben.  Welche  Auskünfte  gibt  uns
nun  gerade  darüber  das  Fragebogenmaterial?  Weshalb  die  Familien,
bezw.  die  Mütter  als  Vorsteherinnen  des  Haushalts  von  Jahr  zu
*  für  das  Frühstück  in  immer  größerem  Umfang  an  Stelle  guter

ahrungsmittel  zu  Surrogaten  greifen,  in  offenbarer  Unkenntnis  der
Schädlichkeit  alkaloidhaltiger  Stoffe,  Tee,  Kakao  und  Bohnenkaffe  ihren
Kindern  verabreichen,  finden  wir  in  dem  Fragebogen  nicht  beantwortet.
Es  wäre  auch  aussichtslos  gewesen,  darüber  Auskunft  zu  verlangen.
Das  Eindringen  der  Kolonialwaren,  marktschreierische  Reklame  für
Surrogate,  mangelnde  Nahrungsmittelkenntnis  und  auch  Interesselosigkeit
  sind  wohl  als  die  Gründe  dieser  Wandlungen  anzusprechen.
Besondere  Fragen  sind  jedoch  gestellt  hinsichtlich  der  Ursachen  für  die
Nichtverabreichung  eines  Frühstücks.  Auch  für  die  hierfür  gewonnenen
Daten  schien  es  angezeigt,  die  Resultate  für  Sommer  und  Winter  getrennt,
  in  Form  einer  Tabelle  (XVI)  zusammenzustellen.