120  III.  Schülerspeisungen  im  Auslande.

Bekannt  ist  ferner  die  ganz  eigenartige  Institution  einer  allgemeinen
Schülerspeisung  in  der  Stadt  Vercelli  in  Oberitalien,  die  ohne  Industrie
fast  einen  ländlichen  Charakter  zeigt.  Hier  machte  der  Abgeordnete  des
Städtchens  Pietro  Lucca  die  Erfahrung,  daß  die  Kinder  zu  Hause  nicht
etwa  keine  Nahrung  erhielten,  sondern  nicht  ausreichend  in  den  Grundsätzen
  der  Etikette  und  des  Benehmens  während  des  Essens  unterrichtet
  würden.  Auch  sei  es  erwünscht,  in  dem  kindlichen  Gemüt  alle
Spuren  von  Klassenunterschieden  durch  getrennte  häusliche  Speisung
zu  verwischen.  Um  diesen  Erziehungseffekt  zu  erreichen,  wurde  eine
obligatorische  gemeinsame  Mahlzeiteinnahme  für  alle  Kinder  auf
öffentliche  Kosten  einge  führt.

Belgien  und  die  Niederlande.

Über  Speisungseinrichtungen  in  Belgien  ist  wenig  bekannt.  Daß
es  auch  in  der  Hauptstadt  des  Reiches,  in  Brüssel,  eine  große  Zahl
unterernährter  dürftiger  Kinder  gibt,  ist  nicht  zu  bezweifeln.  Es  hat
sich  aber  in  Brüssel  eine  eigentümliche  Erscheinung  gezeigt.  Die  öffentliche
  Fürsorge  hat  bisher  hauptsächlich  nur  Gelegenheit,  für  die  Beschaffung
  von  Kleidern,  nicht  aber  von  Speisen  Sorge  zu  tragen.  In
den  armen  Familien  wird  bezeichnenderweise  mit  Auslagen  für
Kleidung  überaus  gespart,  hingegen  stets  alles  getan,  um  den  Kindern
wenigstens  genügende  Kost  zu  geben.  Diese  vorzügliche  Eigenschaft
der  Arbeiterfrauen  in  Brüssel  und  wohl  auch  in  ganz  Belgien  wird  auf
die  gute  hauswirtschaftliche  Ausbildung  der  Mädchen  in  den  Volksschulen
  und  namentlich  in  den  hauswirtschaftlichen  Schulen  für  Mädchen
vom  14.  bis  16.  Lebensjahre  zurückgeführt.  In  einigen  belgischen
Nldustriestärten  wie  in  Schaerebeck  und  Ixelles  wird  für  eine  kleine

ahl  bedürftiger  Kinder  Speisung  im  Anschluß  an  Schulküchen  das
ganze  Jahr  hindurch  verabfolgt.

Für  die  Niederlande  ist  aus  einem  Berichte,  den  uns  das  Centraal
Bureau  voor  Sociale  Adviezen  freundlichst  zur  Verfügung  stellte,  zu
entnehmen,  daß  in  Amsterdam  im  Schuljahre  1906/07  an  3450  Kinder
in  den  Wintermonaten  zumeist  zweimal  in  der  Woche  ein  Mittagessen
verabreicht  wurde,  im  Haag  an  1700,  in  Rotterdam  an  etwa  1550,
in  Leyden  an  500  und  in  einer  Reihe  anderer  Städte,  wie  Utrecht,
Groningen  u.  a.  an  eine  kleinere  Zahl  von  Kindern.  Die  Kinder
erhalten  das  Mittagessen  zumeist  in  Speisehäusern,  aber  auch  in  Schulen.
Die  Auswahl  findet  durch  die  Lehrpersonen  statt.  In  35  Städten
unterstützten  die  Kommunen  die  privaten  Speisungsorganisationen
zusammen  mit  etwa  53  000  Franks.

Schweden.

Der  Centralförbundet  för  sociale  Arbete  in  Stockholm  hat  uns
freundlichst  über  Speisungseinrichtungen  für  Volksschüler  in  einzelnen
schwedischen  Städten  Auskunft  gegeben.  In  Städten,  wie  in  Göteborg,

almö,  Norrköping,  Oerebro,  Helsingborg,  Landskrona  und  Linköping
erhalten  zusammen  etwa  3500  Kinder  von  Ende  November  bis  Mitte