Versammlungsbericht.

Dritter  Verhandlungstag.

I.  Die  Ernährungsverhältnisse  der  Volksschulkinder.
Von  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Max  Rubner,  Berlin.

Die  Fragen  der  Volksernährung  haben  lange  Zeit  eine  Pflege  nur
im  engeren  Kreise  der  Gelehrten  gefunden,  sind  aber  in  den  letzten

hren  etwas  mehr  an  die  Oberfläche  getreten,  indem  man  ihre  hohe

edeutung  für  den  Staat  und  das  Wohlbefinden  der  Nation  allerwärts
richtiger  einzuschätzen  beginnt.

Der  Rückgang  der  Gesundheit  in  manchen  Teilen  der  Bevölkerung,
insoweit  er  sich  durch  den  Verfall  der  körperlichen  Eigenschaften  vor
allem  in  bestimmten  sozialen  Schichten  des  Volkes  ausdrückt,  gab  zu
denken,  und  wies  mit  unleugbarer  Schärfe  auf  den  Zusammenhang
mit  der  Volksernährung  hin.  Veränderungen  dieser  sind  selbst  wieder
die  Konsequenzen  unserer  Kultur,  der  Anderung  des  sozialen  Aufbaues
der  Bevölkerung,  der  Abwanderung  vom  platten  Lande  nach  der  Stadt,
der  Großstadtbildung,  des  übergangs  von  landwirtschaftlicher  Beschäftigung
zur  industriellen  Arbeit  usw.

Diese  Umwälzungen  sind  nicht  im  entferntesten  abgeschlossen,  sie
schreiten  unaufhaltsam  weiter,  und  somit  auch  ihre  Folgen  und  Rückwirkungen.
  Es  heißt  also  zu  rechter  Zeit  Abhilfe  finden.

Die  Frage  der  Volksernährung  hatte  der  XIV.  Internationale
Kongreß  für  Hygiene  und  Demographie  zu  Berlin  auf  sein  Programm
gesetzt  und  einige  wichtige  Teile  dieses  großen,  umfassenden  Gebietes
vom  wissenschaftlichen  Standpunkte  behandelt  und  gewisse  Ziele  für  die
praktische  Aufgabe  der  Bekämpfung  der  Mißstände  klargelegt.

Vom  gleichen  Geiste  getragen  waren  die  Verhandlungen  der  zweiten
Konferenz  der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt  am  11.  und  12.  Mai
1908  zu  Berlin,  in  denen  unter  dem  Titel  „Haushalt  und  Volksgesundheit“
  einige  fundamentale  Mängel  unserer  Volksernährung  und
die  Mittel  zur  Abhilfe  ausgiebig  erörtert  wurden.

Es  wurde  dargetan,  daß  nicht  überall  in  der  Volksernährung  ausschließlich
  nur  Armut  und  ungenügende  Erwerbsmöglichkeit  die  Ursachen
sozialer  Mißstände  sind,  sondern  daß  eine  aussichtsreiche  Abhilfe  an
einer  Erziehungsaufgabe,  die  man  bisher  vernachlässigt  hat,  einzusetzen
)r  In  der  besseren  Vorbildung  der  Frau  zur  Führung  des  Hausalts,

  in  der  Vorbildung  der  Frau  für  ihren  eigentlichen  natürlichen.

Schriften  d.  Zentralstelle  f.  Bolkswohlfahrt.  N.  F.  Nr.  4.  10