134  »  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Max  Rubner.

Beruf  liegt  nach,  den  gepflogenen  Verhandlungen  ein  wichtiges  Hilfsmittel
  für  die  Behebung  zahlloser  Übelstände  des  Ernährungswesens:
nicht  soziale  Mängel  des  Erwerbs  sind  die  einzige  Schuld,  sondern  die
Unkenntnis  in  Sachen  der  Ernährung,  in  Sachen  der  Küche,  die
Verschwendung  des  kärglichen  Einkommens  für  wenig  nährendes
Material,  die  Verschleuderung  des  Tagelohns  für  die  teuren  alkoholischen
  Getränke.

Blickt  man  nur  erst  hinein  ins  Menschenleben,  so  treten  uns  Mängel
der  Volksernährung  an  allen  Ecken  und  Enden  in  konkreter  Form  entgegen.
  Die  Sorge  um  die  Ernährung  unseres  Nachwuchses,  der  Säuglinge
  und  der  Jugend  überhaupt  macht  sich  mit  immer  größerem  Nachdrucke
  geltend.

Die  Säuglingsernährung  hat  in  den  letzten  Jahrzehnten  von  dem
rein  quantitativen  Standpunkte  der  Sicherung  des  Nachwuchses,  bei
Arzten  wie  Laien  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  gelenkt,  besonders  in  jenen
Ländern,  in  denen  der  Bevölkerungszuwachs  gering  ist,  und  die  Mortalität
der  Kinder  einen  ernsten  Ausfall  an  Volkskraft  bedeutet.

So  groß  die  Fortschritte  in  der  Bekämpfung  der  Mortalität  bei
den  Erwachsenen  auch  gewesen  sind,  die  Gefahren  der  Säuglinge  schienen
nach  wie  vor  fast  unvermindert  bestehenbleiben  zu  wollen.  Ohne  die
wissenschaftliche  Erforschung  dieser  Fragen  ist  man  keinen  Schritt  vorwärts
  gekommen,  erst  seitdem  man  angefangen  hat,  den  Gründen  des
Geschehens  weiter  nachzugehen,  stehen  wir  auf  festem  Boden.

In  dem  Gebiete  der  Säuglingsernährung  sehen  wir,  wie  fast  in
allen  Fragen  der  Volksernährung,  die  Ursachen  der  gesundheitlichen
Mißstände  aus  mehreren  Fehlern  entspringen,  aus  der  in  weiten
Kreisen  der  Mütter  herrschenden  Unkenntnis  in  der  Kinderpflege,  und
in  zweiter  Linie  aus  der  Folge  der  Armut,  und  zwar  mehr  aus  ersterer
als  aus  der  letzteren.  Eine  mächtige  Bewegung  zur  Hebung  der  Kinderpflege
  bei  arm  und  reich  ist  heute  im  Gange  und  wir  dürfen  erwarten,
daß  sie  zum  Ziele  führt.  Eine  Fülle  von  einzelnen  Aufgaben  ist  noch
zu  lösen.  Die  Hebung  der  Brusternährung,  Verbesserung  der  Kenntnisse
der  Kinderpflege,  Fürsorge  für  die  Ersatzmilch  der  Brusternährung,  für
Besserung  der  Kuhmilch  für  Kinder,  für  Verbilligung  und  selbst  Gratisabgabe
  der  Kindermilch.  Die  Säuglingsfürsorge  wird  bei  uns  in
Deutschland  und  im  Ausland  in  jüngster  Zeit  mit  größtem  Eifer

etrieben.

Wieder  liegt  ein  großes  neues  Feld  der  Volksernährungsfrage  zur
Bearbeitung  vor  uns:  die  Frage  der  Beseitigung  der  Ernährungsmängel
bei  der  schulpflichtigen  Jugend  durch  die  Schulspeisung,  die  Gegenstand
der  nachfolgenden  Betrachtung  sein  soll.  Kein  neues  Feld  an  sich,  denn
solange  es  Mängel  der  Volksernährung  gibt,  haben  auch  die  Kinder
daran  teil.  Wo  Mängel  der  Ernährung  im  Schoße  der  Familie  vorliegen,
  da  hat  jeder  seinen  Anteil  auf  sich  zu  nehmen,  groß  wie  klein.
Mängel  der  Schülerernährung  sind  nur  eine  Teilerscheinung  des  allgemeinen
  Ernährungszustandes  des  Volkes,  ein  symptomatischer  Vorgang,
der  uns  die  Diagnose  der  Übelstände  erleichtert,  sie  offenkundiger  macht,
seitdem  die  allgemeine  Schulpflicht  die  gesamte  d  end  gewissermaßen
unter  Aufsicht  stellt.  Wer  an  Mängel  und  üÜbelstände  unserer  Er-