I.  Die  Ernährungsverhältnisse  der  Volksschulkinder.  135

nährungszustände  nicht  glauben  will,  wer  sie  überschätzt  oder  zu  klein
bemißt,  kann  in  den  Zuständen  der  Schülerernährung  ein  objektives
Kriterium  finden.

Die  Frage  der  Schulspeisung  ist  schon  lange  Gegenstand  der  Beachtung
  gewesen;  der  Notschrei  über  die  große  Unterernährung  bei
Schülern  der  Volksschulen  hat  längst  die  charitative  Hilfe  angerufen,
und  diese  hat,  soweit  sie  konnte,  die  Wunden  geheilt.  Aber  im  Laufe
der  Zeit  haben  sich  die  Übelstände  bedeutend  vermehrt,  und  Folgen
treten  krasser  zutage.  Es  sind  auch  hier  dieselben  Endursachen,  die  auf
die  gesamte  Volksernährung  ihren  üblen  Einfluß  ausgeübt  haben.  Das
Problem  ist  aktuell  geworden  und  berührt  den  Staat  an  seinem  Marke,
der  Fugendkraft  der  kommenden  Generation.

Husammen  assend  ist  die  Frage  der  Schulkinderernährung  und  die
der  Kinderspeisung  in  einer  Konferenz  der  Deutschen  Zentrale  für  Jugendfürsorge
  1907  behandelt  worden,  sowohl  mit  Bezug  auf  den  Umfang
unserer  sozialen  Verpflichtungen,  wie  auch  hinsichtlich  der  bereits  vorhandenen
  Einrichtungen  und  Organisationen  zur  Abhilfe.  Da  man
aber  damals  nur  ein  Bild  in  groben  Zügen  zu  entwerfen  vermochte,
so  wandte  sich  die  Zentrale  für  Jngendfürforge  an  die  Zentralstelle  für
Volkswohlfahrt  mit  dem  Ersuchen,  durch  Aussendung  von  Fragebogen
an  sämtliche  großen  Städte  und  Gemeinden  des  Reiches  für  weitere
Beratungen  das  erforderliche  Tatsachenmaterial  zusammenzutragen.

Dieser  Plan  hat  inzwischen  seine  Ausführung  gefunden;  es  liegt
uns  jetzt  ein  zusammenfassender  Bericht  über  die  Ernsrungsverpolnisse
der  Volksschulkinder  vor,  der  nun  den  Stand  der  Schulkinderspeisung
in  vielen  Einzelheiten,  sowohl  was  die  Organisation  der  Vereinigungen
zu  diesem  Zwecke  betrifft,  schildert,  wie  auch  die  Art  und  Menge  der
verabreichten  Kost,  und  daran  anschließend  die  Ernährungsverhältnisse
der  Volksschuljugend  überhaupt  und  endlich  auch  durch  reiches  Material
über  die  Schülerspeisungen  im  Auslande  zu  Vergleichungen  aller  Art
Anregungen  bietet.

#Sch  habe  nicht  die  Aufgabe,  in  die  Besprechung  der  Details  dieses

hochbedeutsamen  Materials  einzutreten,  es  scheint  mir  aber  wichtig  zu
sein,  vom  wissenschaftlichen  und  gesundheitlichen  Standpunkt  aus  die
Bedeutung  dieser  Bewegung  der  Schülerspeisung  zu  betrachten,  die
Frage  zu  erörtern,  welche  Anforderungen  an  die  Schulspeisung  vom
ernährungsphysiologischen  Standpunkte  zu  stellen  sind,  und  wie  man
egenwärtig  in  der  Bekämpfung  des  übelstandes  vorgehen  könnte.
Hrsichtlich  aller  zahlenmäßigen  Belege  kann  auf  den  Vorbericht  verwiesen
  werden.  Die  Erhebungen  sind  so  umfangreich,  daß  sie  als  ein
getreuer  Ausdruck  der  Übelstände  in  der  Ernährung  der  volksschulpflichtigen
  Jugend  aufgefaßt  werden  können.

Sie  haben  gezeigt,  daß  im  Winter  wie  Sommer  ein  durchaus  nicht
verschwindender  Teil  der  Kinder  (0,6—1  %)  ohne  jegliches  Frühstück
in  die  Schule  geht,  weit  mehr  Kinder  (rund  3—5  %%)  erhalten  trotz  der
charitativen  Fürsorge  Sommer  und  Winter  statt  einer  warmen  Mittagsmahlzeit
  nur  einen  kärglichen,  kalten  Imbiß.  Ein  Teil  dieser  Kinder
erhält  wenigstens  abends  eine  warme  Mahlzeit,  aber  es  gibt  viele  Zehntausende,
  die  weder  mittags  noch  abends  etwas  Warmes  zu  essen  be-10*

