136  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Max  Rubner.

kommen,  ja  viele  Tausende  müssen  des  Abends  ohne  jegliche  Nahrung
zu  Bette  gehen.

m  Leben  des  Volksschulkindes  spielt  also  der  Nahrungsmangel  eine
hochbedeutsame  Rolle.  Vergegenwärtigen  wir  uns  einmal,  was  die
Wirkung  schlechter  Ernährung  bei  den  Erwachsenen  ist.  ungenügende
Nahrung  bringt  natürlich  immer  den  Körper  herunter,  die  Arbeitsfähigkeit
  sinkt,  das  Gefühl  der  Ermüdung  drückt  auf  den  Menschen,
der  Konsült  zwischen  Pflicht  und  Not,  die  zur  Arbeit  treiben,  und  dem
körperlichen  Mangel  an  Leistungsfähigkeit  stimmt  zu  Unzufriedenheit,
die  Arbeit  wird  doppelt  schwer  empfunden,  Groll  und  Haß  gegen  alle,  die
es  besser  haben,  werden  wach  im  Herzen.  Die  Konsumtion  des  schlecht
genährten  Körpers  ist  größer  als  bei  guter  Nahrung,  weil  immer  bis
zur  Erschöpfung  der  Kräfte  gearbeitet  werden  muß.  Die  depressorische
Stimmung  gewinnt  im  ganzen  Leben  die  Oberhand,  Trägheit,  Schlaffheit,
  geistige  Energielosigkeit,  verschärft  durch  Kummer  und  Sorgen,
lagert  auf  dem  Menschen.  Wie  in  seinem  Außern  altert  der  Mensch
in  allen  seinen  Organen,  dadurch  fällt  er  allen  Krankheiten,  ansteckenden
und  nichtansteckenden,  leichter  zum  Opfer  als  der  Kräftige.

Auch  an  dem  kindlichen  Körper  gehen  die  Folgen  der  schlechten  Kost
nicht  ungestraft  vorüber,  freilich  hat  die  Jugend  ein  ganz  anderes
Widerstandsvermögen  gegen  schädliche  Einflüsse,  insofern  wenigstens,  als
Kummer  und  Sorge  noch  nicht  die  tiefen  Furchen  ins  Gemüt  zu  graben
vermögen  wie  späterhin,  und  Lebenslust  und  Heiterkeit  nach  trüben
Stunden  schnell  wieder  zum  Durchbruche  kommen.  Nach  kurzen  körperlichen
  Schädigungen  haben  wir  in  der  Jugend  die  Fähigkeit  der  Ausgleichskrast.
  wenn  wieder  Zeiten  besserer  Ernährung  kommen.  Wie

lühen  nicht  rekonvaleszente  Kinder  in  wenigen  Wochen  auf,  wenn  man
sie  hegt  und  pflegt.

Alle  diese  Vorzüge  des  jugendlichen  Körpers  haben  aber  auch  ihre
Grenzen  und  alle  diese  Vorzüge  können  uns  nicht  über  die  Tatsachen
ffenkundiger,  bleibender  Schädigungen  der  Kinder,  wie  sie  im  schulflichtigen
  Alter  durch  ungenügende  Ernährung  beobachtet  werden,  hinwegtäuschen.
  Wir  sehen  an  den  blassen  Gesichtern,  der  anämischen
Haut,  an  dem  Zurückbleiben  der  Größe  und  dem  abgemagerten  Körper,
welche  schweren  Schädigungen  sich  an  dem  jugendlichen  Organismus
vollziehen,  wie  sehr  ein  finsteres  Geschick  die  Jugendkraft  im  Keime
zu  vernichten  droht.

Seitdem  die  Schulärzte  in  den  letzten  Jahren  das  Kindermaterial
näher  auf  den  Gesundheitszustand  untersuchen,  wollen  die  Klagen  über
die  Kränklichkeit  kein  Ende  nehmen.  Besonders  in  den  Volksschulen  ist
der  Prozentsatz  der  Kinder  von  schlechter  Konstitution  ein  sehr  großer;
fünf-  und  selbst  zehnmal  größer  als  bei  den  Mittelschulen,  die  größtenteils
  von  den  besser  situierten  Klassen  der  Bevölkerung  besucht  werden.
Das  sind  enorme  Unterschiede,  wenn  man  bedenkt,  daß  in  den  Mittelschulen
  selbst  doch  auch  manche  berechtigte  Klage  über  Gesundheitsschädigung
  der  Schüler  durch  Überarbeitung  erhoben  wird.

Die  sozialen  Unterschiede,  die  hier  zum  Ausdrucke  kommen,  machen
in  keiner  Richtung  sich  schärfer  geltend,  als  auf  dem  Gebiete  der  Er-—6

