I.  Die  Ernährungsverhältnisse  der  Volksschulkinder.  137

nährung,  da  der  Nahrungsaufwand,  je  geringer  das  Einkommen  wird,
um  so  bedeutungsvoller  das  häusliche  Budget  belastet.

Tatsächlich  befindet  sich  also  ein  Teil  der  Kinder  im  Zustande  der
Unterernährung.  Wie  soll  in  einem  solchen  Körper  der  Gedanke  zur
Lust  und  Freude  am  Unterricht  erwachen,  ja  wie  sollen  diese  Kinder
überhaupt  beim  besten  Willen  in  der  Lage  sein,  dem  Unterrichte  zu
folgen?  Das  Gehirn  versagt  wie  jedes  andere  Organ  den  Dienst,  wo  die
Ernährung  fehlt.  Das  Gedächtnis,  die  Schärfe  des  Denkens  leiden,  die
Ermüdung  nimmt  zu.  Wie  soll  ein  schlecht  genährtes  Kind  dasselbe  Lehrpensum
  bewältigen,  das  nur  auf  das  gesunde  Kind  zugeschnitten  ist?
Wie  leicht  wird  die  durch  den  Körperzustand  verschuldete  Trägheit  des
Gehirns  vom  Lehrer  unrichtig  beurteilt,  obwohl  das  Kind  vielleicht  sein
Bestes  gibt,  was  es  zu  leisten  imstande  ist.  Wie  schnell  keimt  da  der
Gedanke  an  ungerechte  Beurteilung  auf,  oder  es  erwächst  aus  den  Beschwerden
  des  Lernens  der  Widerwille  an  dem  Unterricht  überhaupt.
Die  tägliche  Berührung  mit  Schülern,  die  keine  Nahrungsnot  kennen,
zeugt  nur  zu  leicht  Mißgunst  und  Neid,  und  diese  werden  zur  Dominante
  der  künftigen  Lebensauffassung.

Jede  Unbill  der  Witterung  wird  von  dem  mageren,  blutarmen,
herabgekommenen  Kinde  viel  härter  empfunden,  als  von  den  anderen.
Die  Freude  am  Spiel  und  Turnen  ist  ihm  versagt,  die  schwachen
Muskeln  leisten  nichts,  die  körperlichen  übungen  sind  kein  Mittel,  den
Körper  zu  heben  und  zu  erfrischen  und  zu  stärken,  sie  konsumieren  ja
nur  die  kärgliche  Nahrung  seines  Blutes.  So  verläßt  das  herabgekommene
  Kind,  das  bestimmt  ist,  auch  fernerhin  einen  harten  Kampf
ums  Dasein  zu  führen,  die  Schule  minderwertig  gegenüber  den  anderen
Kindern.  Es  bringt  weniger  Kenntnisse  mit  hinaus  ins  Leben,  ist
psychisch  angekränkelt,  fühlt  die  ungünstige  soziale  Stellung  bis  zum
Überdruß  und  trägt  die  Keime  der  Unzufriedenheit  und  Verbitterung  in
sich.  Kein  frohes  Band  verknüpft  es  mit  der  Familie,  kein  heiterer
Gedanke  füllt  seine  Erinnerungen.  Die  Morbidität  und  Mortalität
unter  diesen  Kindern  ist  zweifellos  viel  größer,  als  die  unter  den  gesund
gebauten,  und  jede  konsumierende  Krankheit  wird  ihnen  gefährlicher  als
anderen  Kindern.  Manches  lebenslängliche  Siechtum  wird  schon  in
dieser  Lebensperiode  erworben.

Der  Staat  bezieht  aus  dieser  Quelle  ungesunder  Jugendzeit  das
große  Heer  schwächlicher  Personen,  die  sowohl  als  Arbeiter  späterhin
wenig  als  nationaler  Zuwachs  bedeuten,  die  beim  Ersatzgeschäft  als
untauglich  ausgeschieden  werden  müssen.  Eine  kurzdauernde  Schädigung
  der  Ernährung  macht  die  Jugend  bald  wieder  wett,  aber  langdauernde
  Ernährungsstörung,  noch  dazu  in  den  letzten  Jahren  des
Volksschulbesuches,  wo  bereits  die  nach  der  Säuglingszeit  wichtigste
zweite  Periode  starken  Wachstum  anzuheben  pflegt,  wird  nicht  wieder
ausgeglichen.  Das  Zurückbleiben  der  Körperpröße  durch  schlechte  Ernährung
  in  der  Jugend  ist  seit  Quetelets  Untersuchungen,  also  seit
langem,  bekannt.  Auch  der  Vorbericht  enthält  einige  wichtige  Zahlenangaben
  zu  diesem  Thema.

Der  Staat  hat  also  das  lebhafteste  Interesse  an  der  Beseitigung
dieser  Erscheinungen  der  Degeneration,  des  Sinkens  der  körperlichen