138  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Max  Rubner.

Qualitäten,  die  man  vor  allem  an  dem  Nachwuchs  in  den  Großstädten
und  den  Industriebezirken  sieht;  es  ist  nur  der  Selbsterhaltungstrieb,
wenn  der  Staat  der  Bekämpfung  dieser  Übelstände  seine  Hand  leiht.

Abhilfe  kann  immer  nur  möglich  sein,  auf  Grund  einer  genauen,
eingehenden  Analyse  der  Übelstände,  durch  eine  Jergliederung  dieser,
wie  der  treibenden  Ursachen;  von  diesen  Gesichtspunkten  ausgehend,
haben  wir  auch  die  Pflicht,  es  nicht  mit  diesem  einfachen  Hinweise  der
Besprechung  von  Mängeln  der  Schülerernährung  und  großstädtischen
Degenerationssymptomen  uns  genügen  zu  lassen.  Wir  müssen  den  tatsächlichen
  Verhältnissen  näher  ins  Auge  sehen.  —  -

Wer  glattweg  alle  körperlichen  Mängel  der  Schuljugend  auf
Ernährungsmangel  beziehen  wollte,  ginge  viel  zu  weit;  freilich  in
einigem  Zusammenhange  stehen  beide  schon,  aber  dieser  ist  nicht  ein
unmittelbarer.  Von  denjenigen  Nachteilen,  die  geistige  überanstrengungen
an  den  Mittelschulen  so  oft  auf  die  Körperkonstitution  ausüben,  sehen
wir  in  der  Volksschule  nicht  viel,  ja,  wir  können  so  gut  wie  ganz  dieses
Moment  in  folgendem  beiseite  lasen.

Für  die  schlechte  körperliche  Beschaffenheit  der  Volksschüler  kommt
keineswegs  immer  nur  eine  ungenügende  Ernährung  in  Betracht,  sondern
in  vielen  Fällen  eine  unverständige  Ernährungsweise.  Es  ist  im  Vorberichte
  schon  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  statt  eines  guten,  billig
herzustellenden  Frühstücks  oft  relativ  teure,  für  die  Jugend  nutzlose
Getränke,  wie  Kaffee,  eventuell  deren  Surrogate,  gegeben  werden.  Ebenso
sicher  trägt  man  vielfach  den  Bedürfnissen  des  kindlichen  Körpers  keine
Rechnung,  und  läßt  frühzeitig  die  Milch  in  der  Ernährung  beiseite,
setzt  das  Kind  ausschließlich  auf  die  Kost  der  Erwachsenen.  Manche
Kinder,  solche  mit  schwachen  Magen,  vertragen  ausschließlich  kalte  Kost,
die  sie  oft  erhalten,  nicht  gut,  essen  dann  zu  wenig  und  nehmen  an
Kräften  ab.  Der  gänzliche  Mangel  an  warmer  Kof  muß  daher  auch
unter  Umständen  als  eine  Quelle  des  Verfalls  der  Kräfte  angesehen
werden.  Die  so  häufig  eiweißarme  Kost  der  Erwachsenen  eignet  sich
nicht  immer  für  die  noch  wachsenden  Kinder  und  insofern  sie  alkoholische
Getränke  bekommen,  liegt  der  Gedanke  nahe,  daß  die  Kinder  neben  den
schädlichen  Wirkungen  des  Alkohols  auch  noch  unter  dem  Eiweißmangel
einer  solchen  Kost  zu  leiden  haben.

ür  viele  dieser  angeführten  Momente  kann  Armut  und  Not  nicht
als  Quelle  der  schlechten  Kinderernährung  angegeben  werden,  sondern
nur  Nachlässigkeit  und  Unkenntnis  der  Mutter  und  der  Familie;  eine
Abhilfe  ließe  sich  also  leicht  erbringen  durch  bessere'Erziehung  der  Mütter
für  ihren  Beruf.  .

In  anderen  Fällen  treten  soziale  Momente  mehr  in  den  Vordergrund,
  die  aber  nicht  in  erster  Linie  aus  Mängeln  der  Ernährung  sich
ableiten,  jedoch  den  Nahrungsmangel  verschärfen,  weil  sie  das  Bedürfnis
  an  ahrung  unnötig  steigern.  So  spielt  z.  B.  die  Wohnungsfrage
auch  in  dies  Kapitel  der  Volksernährung  herein.  Ich  verweise  in
dieser  Hinsicht  auf  die  zahlreichen  Fälle,  in  denen  ärmere  Familien  sich
mit  unheizbaren  Zimmern  behelfen  müssen.  Dauernde  Einwirkung  von
Kälte  vermehrt  das  Nahrungsbedürfnis  der  Kinder  über  die  Norm.
Ein  Gleiches  trifft  zu  für  die  ungenügende  Bekleidung  der  Kinder.