I.  Die  Ernährungsverhältnisse  der  Volksschulkinder.  139

Ferner  haben  in  vielen  Fällen  Knaben  und  Mädchen  im  Hause  die
gröbsten  Arbeiten  zu  verrichten  und  erhalten  keine  diesem  Mehraufwand
entsprechende  Kost.  Auch  bei  Kindern  der  untersten  Klasse  liegt  manchmal
  für  den  Körperverfall  die  Ursache  nicht  in  der  Nahrungsentbehrung,
sondern  im  Mangel  des  Appetits,  ist  also  durch  nervöse  Einflüsse  hervorgerufen.
  So  ist  ja  längst  bekannt,  daß  namentlich  in  den  unteren
Klassen  der  Schule  ein  schädigender  Einfluß  der  Schule  im  allgemeinen
vorliegt,  denn  das  ungewohnte  Stillsitzen,  die  Schulzucht,  die  geistige
Anstrengung  allein  sind  schon  Grund  genug,  auch  bei  den  günstigsten
Familienverhältnissen.  das  Körpergewicht  zu  vermindern;  es  ist  ferner
ekannt,  daß  diese  Kinder  sich  namentlich  in  den  längeren  Ferien  wieder
vollkommen  erholen,  auf  ihr  normales  Gewicht  kommen,  und  die  blühende
Gesichtsfarbe  wieder  erreichen.

Man  kann  es  weiterhin  als  erwiesen  betrachten,  das  viele  Kinder
aus  Mangel  an  Beaufsichtigung  durch  den  stundenlangen  Aufenthalt
auf  den  Straßen  eine  unnötige  Einbuße  an  Körperkraft  erleiden.

Aus  dem  Gesagten  ergibt  sich,  daß  keineswegs  alle  Übelstände  einer
schlechten  körperlichen  Konstitution  ausschließlich  auf  einen  Mangel  an
Nahrung  im  engeren  Sinne  zurückgeführt  werden  können.  Was  wir
eingangs  auf  Grund  des  Vorberichts  angegeben  haben,  der  tatsächliche
Mangel  des  Frühstücks,  die  fehlende  Mittagsmahlzeit,  die  dadurch  bedingte
  kalte  Küche  genügt  aber,  um  ein  Eingreifen  in  diese  übelstände
zu  rechtfertigen.  Wo  schlechte  körperliche  Seschaffenheit  und  der  erwähnte
  Mangel  an  häuslicher  Ernährung  sich  finden,  bedarf  es  über
den  kausalen  Zusammenhang  keiner  weiteren  Worte.

Die  Unterernährung  findet  sich  vor  allem  in  kinderreichen  Familien;
der  Kinderreichtum  ist  an  sich  für  die  Entwickelung  der  Nation  von
größter  Bedeutung.

Es  besteht  die  große  Gefahr,  daß  die  Kinderbeschränkung  mehr  und
mehr  sich  ausbildet.  d  einzelnen  Großstädten  sehen  wir  in  den  letzten
Jahren  diese  unerfreuliche  Erscheinung  bereits  zutage  treten.  Es  führt
daher  die  Schwierigkeit  der  Ernährung  wie  überall  zum  Stillstande  des
Wachstums,  hier  also  der  Nation.

Als  ein  praktisches  Mittel,  die  Erscheinungen  der  schlechten  Ernährung
  zu  bekämpfen,  hat  man  natürlich  längfe  Schulspeisungen  eineführt,

  die  in  sehr  verschiedener  Art  in  den  einzelnen  Teilen  unseres

andes  und  des  Auslandes  durchgeführt  werden.  Teils  wird  ein  Frühstück
  gereicht,  an  anderen  Orten  ein  zweites  Frühstück,  in  anderen  Fällen
zeigt  sich  das  Bedürfnis  für  ein  warmes  Mittagessen,  auch  wohl  für  eine
Zwischenmahlzeit  am  Nachmittage.  Der  Vorbericht  ergibt  das  Nähere
für  die  einzelnen  Teile  Deutschlands,  wie  auch  die  nötigsten  Angaben
für  das  Ausland.  Daß  durch  diese  Einrichtungen  das  erstrebte  Zieldie
  Besserung  der  Ernährung  auch  wirklich  erreicht  wird,  daß  Tausende
von  Kindern  in  dieser  Weise  einer  freudlosen  Jugend  entrissen  werden,
daß  sie  zu  gesunden  Mitgliedern  der  menschlichen  Gesellschaft  gemacht
werden,  unterliegt  keinem  Zweifel.  Mit  der  Schulspeisung  allein  wird
aber  die  Fürsorgeaufgabe  für  die  armen  Volksschüler  nicht  immer  erreicht.
  Wir  haben  ja  eben  berührt,  daß  sie  oft  weder  Frühstück  noch
Mittagbrot  erhalten,  und  zwar  häufig  nur  deshalb,  weil  die  Eltern