152  Direktor  Delitsch.

Ich  möchte  folgendes  aus  meinen  Erfahrungen  hervorheben.  Einmal:
  gute  Kindernahrung  kann  sogar  zur  Arznei  werden.  Das
gilt  namentlich  von  der  Milch,  die  ein  Kind  während  der  Frühstückspause
  in  der  Schule  bekommt.  Ich  kenne  kein  leichter  anzuwendendes

ittel  gegen  die  Skrophulose,  die  unser  Volk  sehr  schädigt,  als  den
täglichen  Genuß  guter  Milch  —  die  Skrophulose,  die  sich  äußert  in
ekelhaften  Kopfausschlägen,  die  sich  äußert  in  skrophulösen  Augenentzündungen,
  die  wieder  Trübung  des  Auges  und  Verminderung  der
Sehschärfe  zur  Fotige  haben  können,  und  die  sich  ferner  äußert  in  den
Mittelohrentzündungen  und  Ohreiterungen,  die,  wenn  sie  vernachlässigt
werden,  nicht  bloß  Taubheit,  sondern  sogar  den  Tod  des  Kindes  nach
sich  ziehen.

Wenn  wir  nun  ein  so  leichtes  Mittel  in  den  Händen  haben,  den
Kindern  Heilung  zu  gewähren,  so  sollte  man  es  benutzen.  Milch  geben
ist  jedenfalls  am  billigsten  und  einfachsten,  wenn  man  die  Speisung  von

indern  in  Schulen  in  Angriff  nimmt.  Es  liegt  auch  dem  Lehrer
nahe,  daß  er  sagt:  ich  möchte  doch  erst  meinem  hungernden  Schüler
etwas  zu  essen  geben,  ehe  ich  ihn  belehre.  Wenn  er  hungert,  kann  er
auch  nicht  aufmerken.  .

Allerdings  haben  wir  auch  die  Erfahrung  gemacht,  daß  gute  Kinderernährung
  erfolglos  bleiben  kann.  Man  kann  in  ein  Kind  alles  hineinfüttern;
  wenn  es  aber  krank  oder  kränklich  ist,  wenn  es  das  nicht
verdaut,  was  man  ihm  gibt,  dann  bleibt  es  unterernährt  trotz  der  besten
Nahrung,  und  da  nöchte  ich  Sie  nun  auf  eine  Krankheit  aufmerksam
machen,  der  man  vorbeugend  entgegenwirken  muß,  wenn  gute  Kinderernährung
  ihren  Erfolg  haben  soll,  das  ist  die  englische  Krankheit.  Ich
meine  zwar  nicht,  daß  80  %  aller  deutschen  Kinder,  die  an  Rachitis
leiden  sollen,  nun  auch  deshalb  verelenden.  Bei  vielen  zeigt  sich  die
Krankheit  so  leicht  und  sie  werden  auch  so  gut  verpflegt,  daß  die  Krankheit
  ohne  irgendwelche  Folgen  beseitigt  wird.  Aber  ich  habe  in  der
Hilfsschule  Kinder  gesehen,  die  durch  Rachitis  zu  den  abschreckendsten,
elendesten  und  bemitleidenswertesten  Krüppeln  geworden  waren.
habe  dort  Kinder  gesehen,  deren  Brustkorb  durch  die  englische  Krankheit
so  verengt  war,  daß  die  Lunge  sich  nicht  entwickeln  konnte.  In  einzelnen
Fällen  war  Lungenschwindsucht  im  Kindesalter  die  Folge.

Sie  sehen  also,  wie  notwendig  es  ist,  daß  man  die  Ursachen  der
Unterernährung  mit  in  Betracht  zieht.

Was  tun  wir  denn  nun  gegen  die  englische  Krankheit?  Wir  haben
die  Erfahrung  gemacht,  die  Mütter  wissen  meistenteils  gar  nicht,  daß
ihr  Kind  krank  ist;  sie  sagen,  es  hat  ja  gerade  Beine,  oder,  wir  haben
die  Rachitis  erst  im  vierten  Jahre  bemerkt  —  während  all  diese
schlimmen  Folgen  nicht  eingetreten  wären,  wenn  das  Kind  zur  rechten
Heit-  im  ersten  halben  Jahre  seine  Lebens  richtig  gepflegt  worden  wäre.
2#n  die  schlimmen  Folgen  der  Rachitis  verhüten  ist  doch  eine  hohe

ufgabe.
eswegen  ist  es  notwendig,  daß  erstens  alle  Mütter  aufgeklärt
werden.  Das  kann  am  besten  durch  ein  Merkblatt  geschehen,  das,  von
der  Stadtvertretung  gekauft,  an  die  Hebammen  beceben  und  von  diesen
an  solche  Mütter  verteilt  wird,  die  in  Hoffnung  leben,  damit  die  Mutter