II.  Diskussion.  163

schon  in  der  Zeit  vor  der  Geburt  des  Kindes  sich  in  der  rechten  Weise
hält  und  dann  viel  eher  einem  gesunden  Kinde  das  Leben  geben  wird.
Das  ist  das  eine,  was  dringend  notwendig  ist.  Dann  ist  es  aber
weiter  auch  notwendig,  daß  sich  die  Behörden  selber  mit  dem  Kampfe
gegen  die  Rachitis  befassen.  Ich  frage  Sie:  was  ist  besser,  was  ist  erfolgreicher:
  Anstalten  für  Schwachsinnige  bauen  oder  den  Schwachsinn
verhüten?  Was  ist  besser:  Heilstätten  für  Lungenschwindsüchtige  bauen
oder  Lungenschwindsucht  verhüren?  Was  ist  besser:  Krüppelheime
gründen  oder  das  Krüppelwerden  verhüten?  Sie  werden  mit  mir  übereinstimmen:
  man  darf  beides  nicht  vernachlässigen,  aber  wenn  das  erste
möglich  ist,  ist  es  vorzuziehen,  und  es  ist  möglich.  Die  Krankkheiten,
die  wie  ein  Feuer  das  Leben  des  Kindes  verwüsten,  Scharlach,
Diphtheritis  usw.,  sucht  man  gleich  zu  heilen.  Da  ist  das  Krankenhaus,
  da  ist  die  Diakonieschwester,  da  sind  andere  Schwestern  und
Vereine  hilfsbereit,  schon  der  Ansteckung  wegen.  Aber  das  leise
heimliche  Wimmern  des  chronisch  leidenden  Kindes  verhallt  ungehört.
Mir  ist  in  den  letzten  Tagen  ein  Kind  zugebracht  worden,  das  rachitisch
war.  Das  Kind  war  ein  halbes  Jahr  alt,  und  die  Beine  waren  ihm
an  drei  Stellen  gebrochen,  ohne  daß  die  Mutter  es  wußte.  Der  eine
Knochenbruch  war  so  verheilt,  daß  das  Kind  niemals  hätte  laufen  lernen,
der  Knochen  mußte  wieder  gebrochen  werden,  und  unser  Verein  hat  für
das  Kind  gesorgt.  Es  hat  sich  in  unserer  Stadt  ein  Arzt  bereit  gefunden,
arme,  verelendende  rachitische  Kinder  unentgeltlich  zu  behandeln.  Die
Armenärzte,  die  Ziehkinderärzte  widmen  der  Bekämpfung  der  Rachitis
erhöhte  Aufmerksamkeit.

.  ch  bitte  Sie  nun  dringend,  die  Sache  mit  in  Angriff  nehmen  zu
wollen.

Ich  kann  hinzufügen:  das  Plauener  Merkblatt  gegen  englische  Krankheit
  —  es  kostet  das  Tausend  22,50  .K  —  erfreut  sich  einer  Illustration,
die  zu  Herzen  spricht,  einer  Zeichnung  von  Hermann  Vogel,  den  Sie
als  Märchenillustrator  aus  den  „Fliegenden  Blättern“  und  aus  anderen
Zeitschriften  kennen.  Es  ist  sehr  erfreulich,  daß  sich  der  Jugendfürsorgeverein
  in  Plauen  dieser  Aufklärungsarbeit  widmet  und  auch
für  die  Kinder  sorgt,  die  sonst  verelenden  würden.  Denn  die  Erwerbsfähigkeit,
  die  Militärtüchtigkeit,  ja  die  Sittlichkeit  des  deutschen  Volkes
hängt  davon  ab,  daß  ein  gesundes  Geschlecht  heranwächst.

Kommerzienrat  Langenbach:

Sie  werden  es  mir  als  Laien  verzeihen,  wenn  ich  zu  den  wichtigen
Fragen,  die  während  der  drei  Verhandlungstage  in  vortrefflichen  Ausführungen
  ihre  Besprechung  fanden,  meinerseits  Stellung  nehme,  tief
erschüttert  von  alledem,  was  ich  gehört  habe.  Ich  stehe  erschreckt  vor
dem  geschilderten  Elend,  vor  aller  Not,  die  dringende  Abhilfe  bedarf
und  frage  mich,  ob  es  überhaupt  möglich  sei,  wirksame  Hilfe  zu  schaffen-Aus
  allen  Vorträgen  ging  hervor,  nur  mit  reichlichen  Mitteln  könne
dauernd  geholfen  werden,  aber  von  keiner  Seite  wurden  Vorschläge  gemacht,
  wie  diese  Mittel  beschafft  werden  sollen.  Wollen  Sie  bei  dem
Reiche  vorsprechen?  Das  Reich  hat  mit  seiner  eigenen  Not  zu  schaffen.
Wollen  Sie  bei  den  einzelnen  Staaten  und  Stadtverwaltungen  die  zur