154  Kommerzienrat  Langenbach.

Beseitigung  der  Not  erforderliche  Hilfe  zu  erlangen  suchen?  Unter
rühmlicher  Anerkennung  Ihrer  idealen  Bestrebungen  würden  Sie  an  den
meisten  Stellen  achselzuckend  beschieden  werden,  denn  Staat  und  Gemeinden
  sind  mit  Ausführung  zahlreicher,  unaufschiebbarer  Aufgaben
überlastet  und  nicht  in  der  Lage,  helfend  einzugreifen.

Im  Anschluß  an  die  Leitsätze  zu  dem  Referate  des  Herrn  Geh.
Medizinalrats  Prof.  Dr.  Rubner  werden  besondere  Vorschläge  zur
Hebung  der  Ernährungsverhältnisse  in  kinderreichen  Arbeiterfamilien  angeführt,
  so  die  Erhöhung  des  Krankengeldes  für  Familienväter  zum
vollen  Tageslohn  in  Geld  oder  Naturalien  und  —  der  Familienversicherung
  mit  gleichmäßiger  Verteilung  der  hierdurch  entstehenden
Lasten  auf  alle  Kassenmitglieder  und  Arbeitgeber.

Diese  Vorschläge  würden  die  Krankenkassen  überhaupt  nicht  ausführen
  können,  so  lange  der  §  31  des  KK.  nicht  eine  Anderung
dur  Reichstagsbeschluß  erfahren  hat.  ch  darf  an  dieser  Stelle
wohl  mitteilen,  daß  sich  die  Vereinigte  Ortskrankenkasse  Darmstadt
außerstande  erklärte,  die  absprachsgemäße  Unterstützung  des  Vereins
„Walderholungsstätte“  im  Betrage  von  4000—5000  A  für  das  laufende
Jahr  zu  bezahlen,  da  sie  im  Ahre  1908  zwar  ohne  Defizit,  aber  unbefriedigend
  gearbeitet  habe.  Die  Ortskrankenkassen  der  Nachbarstädte
Mainz,  Frankfurt,  Offenbach,  um  nur  einige  der  benachbarten  Kassen
zu  nennen,  haben  mit  teilweise  recht  erheblichen  Vermögenseinbußen  das
Jahr  1908  abgeschlossen.  Das  spricht  nicht  für  die  Möglichkeit  einer
weitgehenden  Inanspruchnahme  der  Krankenkassen.

eiter  wird  als  notwendig  bezeichnet  Ausgestaltung  der  Organisation
des  Haus=  und  Wochenpflegewesens  seitens  der  Kommunen,  Krankenkassen
mit  Unterstützung  der  Invalidenversicherungsanstalt.  Es  hat
aber  bei  der  letztgenannten  Institution  das  Gesetz  und  in  letzter  Instanz
der  Bundesrat  zu  sprechen.

Unter  diesen  nicht  tröstlichen  Ausblicken  fragt  es  sich:  was  soll  geschehen,
  um  der  geschilderten  Not  zu  begegnen?  Wenn  die  genannten
Stellen  versagen,  so  müssen  wir  uns  an  unser  besseres  Selbst  wenden
und  zur  Selbstbesteuerung  schreiten  und  dahin  wirken,  daß  eine  solche
allerorten  eingeführt  wird.  Wenn  auch  der  Anfang  schwierig  erscheint,
so  ist  es  doch  denkbar,  daß  eine  lebhafte  zielbewußte  Agitation  zu  einem
lohnenden  Wege  führen  kann.  Ich  möchte  mir  nun  nicht  gestatten,
dieser  illustren  Versammlung  einen  bestimmten  Vorschlag  zu  unterbreiten,
vielleicht  findet  meine  Anregung,  die  aufrichtig  gemeint  ist,  eine  gute
Stätte  bei  Ihnen.  Ich  erinnere  Sie  auch  an  die  sogenannten  Kinderhilfstage,
  die  eine  stehende  Einrichtung  in  den  großen  skandinavischen
Städten  geworden  sind.  Ich  hatte  in  dem  verflossenen  Jahre  die  Freude,
einen  solchen  Volksfesttag  in  Stockholm  mitzuerleben.  Der  Eindruck
wird  für  mich  stets  ein  unvergeßlicher  bleiben.  Mit  kleinen  Gaben  wird
hier  vieles  erreicht,  die  Durchschnittseinnahmen  der  Städte  Kopenhagen,
Christiania,  Stockholm  und  Gotenburg  belaufen  sich  jährlich  auf  etwa
je  100  000  Kronen.  Mag  diese  Summe  bei  der  zu  lindernden  Not
nicht  erheblich  sein,  immerhin  geschieht  viel  Gutes  und  Nachahmenswertes
  damit,  was  nicht  unterschätzt  werden  soll.  Der  Sinn  für  philanthropische
  Zwecke  wird  gestärkt  und  könnte  zu  einer  regelmäßigen  Selbst-