II.  Diskussion.  155

besteuerung  führen.  Mit  wenigen  Worten  fand  ich  das  Ziel  der
Skandinavier  an  einem  Transparent  öffentlich  angeschrieben  in  den
einem  nationalen  Programmsatze  gleichkommenden  Worten:  All  for
barnen  (Alles  für  die  Kinder).

Lehrer  Agahd,  Rixdorf:
Meine  Herren,  unsere  Zeit  ist  nicht  dazu  da,  daß  sie  von  uns  beklagt
  wird,  sondern  daß  ihre  Fehler  von  uns  verbessert  werden.  Wir
mülfen  die  Gegenwart  begreifen  lernen  und  müssen  in  Erkenntnis  ihrer
Mänzel  für  eine  Besserung  besorgt  sein.
ir  stehen  hier  vor  einem  ganz  neuen  Problem,  das  sich  den  alten
noch  nicht  geissten  Problemen  zugesellt.  Ich  bin  der  Meinung,  die
Erörterung  dieser  Frage  muß  auf  die  breiteste  Basis  gestellt  werden,
die  es  gibt,  ohne  etwa  der  Ansicht  zu  sein,  daß  wir  nun  bloß  theoretisch
an  die  Frage  herantreten.  Ich  meine,  diese  Frage  ist  eine  Frage  der
Erziehung  der  Menschen,  und  zwar  handelt  es  sich  hier  um  die  Erziehung
  der  Frauen,  die  Erziehung  der  Mütter  der  heranwachsenden
Kinder  und  auch  besonders  die  Erziehung  der  Frauen  aus  den  führenden
Gesellschaftskreisen.  Die  Hausarbeit  wird  gerade  in  den  führenden  Gesellschaftskreisen
  nicht  mehr  in  dem  Maße  gelehrt,  wie  es  notwendig  ist.
Man  begreift  nicht  mehr,  daß  diejenige  Mutter,  die  dem  Staate  zwei,
vier  oder  fünf  Kinder  gibt  und  wirklich  erzieht,  ebenso  viel  an  Werten
schafft  wie  ein  Mann,  der  drei=  oder  fünftausend  Mark  Gehalt  hat  und
diese  verzehrt.  Man  begreift  nicht  mehr,  welch  ein  ungeheurer  ökonomischer
Wert  in  der  Arbeit  der  Mutter  liegt,  die  ein  Kind  heute  so  erziehen
kann,  wie  es  erzogen  werden  müßte.  Darum  habe  ich  seit  Jahren  die
Einführung  des  hauswirtschaftlichen  Unterrichts  in  allen  Mädchenschulen
gefordert,  gerade  auch  in  den  höheren  Töchterschulen.  Wir  müssen  zurück
  zur  Familienkultur,  wir  müssen  der  Geldkultur  unserer  Zeit  eine
amilienkultur  gegenüberstellen.  Die  Familie  ist  das  Bollwerk  des
taatslebens,  sie  muß  erhalten  bleiben.

Meine  Damen  und  Herren!  Es  steht  in  diesem  Augenblick  ein
Kind  vor  mir,  das  hungert.  Es  ist  eine  einfache  Wahrheit  —  aber  es
ist  wunderbar,  daß  die  einfachsten  Wahrheiten  nur  wenig  begriffen
werden  —:  hungert  dieses  Kind,  so  muß  ich  ihm  zu  essen  geben.  Es
ist  ein  erschütterndes  Material,  das  uns  Herr  Dr.  Kaup  hier  bereits
in  seinem  Vorberichte  gegeben  hat.  Meine  Damen  und  Herren!  Mir
ist  manches  bekannt  an  Elend  in  deutschen  Landen;  aber  ich  gestehe
offen,  dieses  Elend  ist  mir  doch  noch  nicht  bekannt  gewesen.  Wer  diese
ahlen  liest  und  sie  durchdenkt  und  etwas  zwischen  den  Reihen  dieser
ahlen  zu  lesen  versteht,  der  muß  sagen:  das  ist  ja  furchtbar.  Aber
wir  dürfen  unsere  Herzen  nicht  für  einen  Augenblick  erschüttern  lassen,
sondern  wir  müssen  arbeiten.  Darum  gehe  ich  auf  die  praktischen  Vorschläge
  ein,  die  in  den  Leitsätzen  gemacht  worden  sind.

Ich  habe  geglaubt,  die  Reform  der  neuen  Versicherungsgesetzgebung,
die  uns  die  Witwen=  und  Waisenversicherung  geben  soll,  würde  die
Basis  bilden  für  eine  Familienversorgung  im  großen  Stile.  Es  fehlt
an  Mitteln,  wird  gesagt.  O,  es  fehlt  nicht  an  Mitteln.  Es  wird  eine
Zeit  kommen  —  wenn  es  dann  nur  nicht  zu  spät  ist  —,  wo  es  nicht

—.