156  Lehrer  Agahd.

an  Mitteln  fehlen  wird.  Wenn  die  Degeneration  auf  der  ganzen  Linie
festgestellt  wird,  dann  wird  man  die  Gelder  schon  bereitstellen.  Es
wird  die  Zeit  kommen,  wo  wir  die  Notwendigkeit  vielleicht  auch  an  der
verminderten  Zahl  der  Bajonettspitzen  der  Soldaten  sehen  werden.  Die
Soldaten  werden  dann  nicht  mehr  in  den  Massen  ausgehoben  werden
können.  Die  Zeit,  wo  uns  die  vernachlässigte  Wehrkraft  —  will  ich
einmal  sagen  —  zwingen  wird,  die  Mittel  bereitzustellen,  wird  kommen.

Meine  Damen  und  Herren!  Wir  haben  in  Deutschland  noch  einen
jährlichen  Geburtenüberschuß.  Aber  es  will  mir  scheinen,  als  ob  es
sich  da  nicht  mehr  um  Qualitätsmenschen  handelt,  sondern  lediglich
um  Quantitätsmenschen,  und  darauf  wird  es  im  Deutschen  Reiche
nicht  ankommen.  Es  will  wirkliche  Qualitätsmenschen,  in  körperlicher
  sowohl  als  in  geistiger  Beziehung,  und  das  Land  muß  sie  haben.
Es  wird  die  Zeit  kommen,  wo  man  die  Mittel  hat;  die  Mittel  liegen
auf  dem  Boden,  die  Mittel  liegen  auf  der  Straße.  Die  Mittel  liegen
im  Alkohol,  aus  dem  soviel  Geld  herausgeholt  werden  kann,  wie  man
bisher  noch  gar  nicht  annimmt.

Es  ist  vorhin  auf  Schweden  exemplifiziert  worden;  wieviel  Geld
wird  für  allgemeine  Wohlfahrtszwecke  in  Schweden  durch  das  Gotenburger
  System  herausgepreßt  und  es  geht  sehr  gut.  Wir  haben  Geld
#nug,  Die  Menschen  müssen  nur  erst  begriffen  haben,  daß  solche
Mittel,  an  der  richtigen  Stelle  angewendet,  sich  auch  verzinsen.

Ich  komme  zurück  zu  der  Versicherungsordnung.  Jetzt  heißt  es  in
dem  Entwurf,  es  soll  sich  darum  handeln,  die  nicht  arbeitsfähigen
Witwen  gesetzlich  zu  unterstützen  —  die  nicht  arbeitsfähigen.  Wir
haben  herausgerechnet,  daß  allerdings  die  Witwen=  und  Waisenversicherung
  100  Millionen  Mark  kosten  wird,  und  das  Reich  muß,  bloß  um
die  nicht  arbeitsfähigen  bedürftigen  Witwen  und  Waisen  zu  unterstützen,
eine  Zubuße  von  60  Millionen  Mark  zahlen.  Aber  das  Geld  ist  da.
Wir  müssen  nur  an  einige  Ideen  glauben  und  sie  setzen  sich  mit  der
Zeit  durch.  Es  gehört  ein  unverwüstlicher  Jdealismus  und  Optimismus
dazu.  Aber  wenn  wir,  wie  ich  schon  geftern  sagte,  unsere  Persönlichkeit
hinter  diese  Ideen  stellen,  so  geht  die  Sache  vorwärts.

Die  Einführung  der  Familienversicherung,  wie  sie  in  einem  der  Leitsätze
verlangt  ist,  wäre  sehr  wünschenswert.  Ich  meine  aber,  daß  es  doch  nötig
wäre,  wie  überall  gerade  auch  in  den  Fortbildungsschulen,  und  zwar  auch  in
den  ortbildungsschulen  für  Mädchen  begreiflich  zu  machen,  was  eigentlich
  soziale  Forderungen  unserer  Zeit  für  eine  Bedeutung  haben.  Mit
anderen  Worten:  Wir  müssen  die  heranwachsenden  Personen,  denen
wir  gesetzliche  Zusicherungen  geben,  dafür  befähigen,  daß  sie  wissen,  worum
es  sich  handelt.  Es  handelt  sich  um  eine  Erziehung  aller  durch  alle.

Es  wird  oft  behauptet,  durch  die  soziale  Gesetzgebung  werde  die  Begehrlichkeit
  der  Massen  erhöht.  Das  ist  auch  so  ein  Spruch,  der  wahr,
aber  auch  nicht  wahr  sein  kann.  Es  muß  doch  auch  begriffen  werden,
und  zwar  immer  wieder  von  den  führenden  Gesellschaftskreisen,  daß  die  Aufgaben
  einer  neuen  Zeit  nur  gelöst  werden  können  auf  der  Basis  des

echts  und  weniger,  viel  weniger  auf  der  Basis  der  Wohltätigkeit.  Ich
bin  der  Meinung,  daß  auch  die  bestorganisierte  Gesellschaftsordnung
selbstverständlich  immer  noch  einen  Reft  von  Fragen  enthalten  wird,