II.  Diskussion.  157

die  nur  durch  Wohltätigkeit  gelöst  werden  können.  Aber  man  treibe
nicht  zu  viel  Sport  mit  diesem  Satze:  Je  mehr  soziale  Gesetzgebung  wir
bekommen,  desto  größer  wird  die  eesncchtei  der  Massen.

Es  gibt  keinen  Zustand  in  einer  sich  sozial  ausbauenden  Seibschafteordnung,
  der  nicht  auf  Ursachen  zurückzuführen  wäre.  Also  haben  wir
die  Begehrlichkeit  der  Massen  zu  prüfen.  Es  ist  immer  Reaktion  gegen
Reaktion:  hier  Ausbeutung  der  Kinder,  da  Ausbeutung  der  Frauen,
8  t  die  Unzufriedenheit  des  Mannes,  in  der  weiteren  Entwickelung

Wlösung  des  Familienlebens.  Wir  finden  überhaupt,  ob  wir  hier
über  Ernährung  des  Kindes,  ob  wir  über  Jugendfürsorge  in  weiterem
Sinne,  ob  wir  über  Mutterschutzversicherung,  ob  wir  über  irgend  ein
Gebiet  sprechen,  das  die  Jugend  und  die  Kinder  anbelangt  —  wir
finden  immer  wieder:  wir  müssen  zurück  zur  Familienversorgung,  und
darum  spreche  ich  Herrn  Dr.  Kaup  von  dieser  Stelle  aus  noch  unseren
besonderen  Dank  aus,  daß  er  am  Schlusse  des  Vorberichts  sagt:  Es  muß
vorausgesetzt  werden,  daß  die  Familienversorgung  auf  eine  ganz  neue
Bafis  gestellt,  weder  als  eine  alleinige  Aufgabe  der  Armenpflege,  noch  der
Schule  betrachtet  wird.  Zu  dem  Zwecke  müssen  alle  zusammen  arbeiten  an
dem  einen  Großen,  was  dem  Staate  not  tut:  eine  körperlich  und  geistig
tüchtige  Menschheit  heranzuziehen.  Aber  anfangen  bei  dem  Kinde!  Und
darum  moöchte  ich  das  eine  noch  sagen  gerade  als  Kinderfreund:  ich  habe
doch  gefunden,  will  man  der  schulentlassenen  Jugend  helfen,  so  wird
man  immer  wieder  einsetzen  müssen  bei  dem  Kinde,  das  noch  in  der
Schule  steht,  dem  es  schlecht  geht  in  irgendeiner  Beziehung.  Ich  habe  gekämpft
  zehn,  zwölf  Jahre  lang  zur  Herbeiführung  des  Kinderschutzgesetzes.
Aber  das  muß  ich  sagen,  jedesmal  hat  es  mir  weh  getan,  wenn  mir
ein  Vater  sagte:  „Ja,  die  drei  Kinder  verdienen  ja  nur  10  Pf.  an  einem
Nachmittag,  aber  ich  brauche  diese  10  Fl.  die  Kinder  wollen  morgen
essen.“  Wir  müssen  an  eine  gesetzliche  Regelung  heran.

Meine  Damen  und  Herren!  Wir  wollen  arbeiten  von  Person  zu
Person,  von  Mensch  zu  Mensch.  is  die  Idee,  daß  wir  durch  eine  gesetzliche
  Regelung  der  Materie  dem  Kinde  Brot  geben,  erst  hineingebracht
in  die  Masse,  so  wird  sie  sich  durchsetzen.  Sie  muß  sich  durchsetzen,  und
es  werden  sich  dann  auch  die  Mittel  finden,  nicht  von  heute  auf  morgen,
aber  in  kaum  zwei  Jahrzehnten.  Die  Zeit  ist  dazu  da,  daß  wir  sie
anklagen;  wir  sind  dazu  da,  daß  wir  sie  bessern.

Fabrikant  Friedrich  Karl  Freudenberg,  Weinheim:  Z
Sehr  geehrte  Damen  und  Herren!  Herr  Agahd  hat  mir  soeben
das  in  den  Mund  gelegt,  was  ich  ohnedies  den  Herrschaften  ausführen
wollte.  Er  sagte,  wir  haben  einen  Geburtenüberschuß  von  900  000  im
Jahre,  aber  er  glaubt,  das  sei  mehr  ein  Quantitäts=  als  ein  Qualitätsüberschuß.
  Der  vorzügliche  Vorbericht  des  Herrn  Dr.  Kaup  enthält
ahlen  über  die  Volksschulkinder  in  189  deutschen  Städten,  die  das  zu
estätigen  scheinen.  20  habe  die  Zahlen  aufmerksam  gelesen,  und  da
fiel  mir  zunächst  auf,  daß  gerade  in  der  Heimatstadt  des  Herrn  Agahd,
in  Rixdorf,  bei  einer  Bevölkerung  von  ca.  150  000  Einwohnern  mehr
als  doppelt  soviel  Vokksschulkinder  existieren,  wie  in  der  naheliegenden
Berliner  Vorstadt  Schöneberg,  die  auch  gegen  150  000  Einwohner  hat.