162  Helene  Simon.

Nähe  von  Neckarsteinach  im  Neckartale  zu  errichten.  Der  Grundstein
wird  in  den  nächsten  Tagen  gelegt  werden,  und  wir  erhoffen  von  diesem
Werke  einen  außerordentlich  großen  Erfolg  für  die  Besserung  der  Ernährungsverhältnisse
  der  Schulkinder.

Natürlich  darf  man  die  Kinder  nach  ihrer  Rückkehr  aus  der  vierbis
  achtwöchigen  Kur  nicht  aus  dem  Auge  verlieren,  sie  bedürfen  vielmehr
  genauer  Beobachtung  und  weiterer  Huffe  (insbesondere  durch  Milchkuren)
  auch  nach  ihrer  Heimkehr.  Besonderes  Gewicht  möchte  ich  aber
aus  sozialen  Gründen  darauf  legen,  daß  ein  allgemeines  Eingreifen
öffentlicher  Organe  —  soweit  es  sich  um  die  Bereitstellung  regulärer
Mahlzeiten  handelt  —  nur  in  Fällen  dringender  Not  stattfindet,  d.  h.
nur  da,  wo  es  aus  finanziellen  oder  tatsächlichen  Gründen  (z.  B.  infolge
Todes  der  Mutter  oder  Abwesenheit  der  Mutter  auf  Arbeit  usw.)  unmöglich
  ist,  die  Mahlzeiten  zu  Hause  einzunehmen.  Andererseits  kann
man  allen  denjenigen  Maßnahmen  besonderer  Art,  die  die  Gesundheit
und  das  Wohl  des  Kindes  fördern,  ohne  den  in  erster  Linie  verantwortlichen
  Eltern  Pflichten  abzunehmen,  nicht  genug  das  Wort  reden.
In  erster  Linie  ist  es  da  die  Erholungspflege  im  eigenen  Waldheime
mit  nachfolgender  Milchkur,  die  in  gesundheitlicher  Hinsicht  Großes  wirkt
und  auch  im  Kinde  Eindrücke  geistesbildender  und  ethischer  Art  hinterläßt,
die  seinem  inneren  Sein  neue  Wege  weist.  Die  große  Zahl  der  bedürftigen
  Kinder  verlangt  aber  die  Aufnahme  der  Arbeit  in  großem  Umfange,
  und  da  bedarf  es  warmer  Werbearbeit,  um  die  nötigen  Mittel
zu  beschaffen.  Darum  im  Interesse  der  Kinder,  denen  wir  ja  alle  helfen
wollen,  und  im  Interesse  der  Zukunft  unserer  Nation  frisch  ans  Werk!

Helene  Simon-Berlin:

Verehrte  Damen  und  Herren!  Ich  werde  mich  streng  an  das  heutige
Thema  halten,  das  die  Ernährungsverhältnisse  der  Volksschulkinder
betrifft.  Es  liegt  uns  in  dem  Vorbericht  ein  so  erschütterndes  Material
vor,  wir  haben  von  dem  Referenten  so  erschütternde  Tatsachen  über
den  schlechten  Ernährungszustand  in  der  Schule  und  der  Notwendigkeit
seiner  Beseitigung  gehört,  daß  ich  glaube,  daß  die  Frage  der  Schulspeisung
  zunächst  und  zumeist  die  Aufmerksamkeit  erheischt.  Im  Vorbericht
  erfahren  wir  unter  anderem,  daß  in  den  Städten  mit  über
10000  Einwohnern  22000  Schüler  im  Winter,  36008  Schüler  im
Sommer  morgens  überhaupt  kein  Frühstück  bekommen,  179  000  Schüler
mittags  nur  einen  kärglichen  kalten  Imbiß  erhalten.  Bei  einer  Anzahl
dieser  Kinder  handelt  es  sich  nicht  um  Bedürftigkeit  der  Eltern,  sondern
um  andere  Ursachen,  aber  in  den  weitaus  zahlreichsten  Fällen  ist  die
Armut,  die  Not,  die  Ursache  der  fehlenden  oder  ungenügenden  Mahlzeiten.
  Das  zeigen  auch  die  Berichte  der  Gewerbeinspektoren  über  das
Kinderarbeitsgesetz,  dessen  Durchführung  erschwert  wird,  weil  die  Pfennige
des  Kinderverdienstes  für  den  täglichen  Unterhalt  notwendig  sind,  zeigen
auch  die  Monographien  über  Verhältnisse  in  der  Heimarbeit.  In  dem
Vorbericht  ist  ferner  festgestellt,  daß  80  %  der  Volksschulkinder  ein  ungenügendes
  oder  gar  gesundheitsschädliches  Frühstück,  schlechten  Kaffee  usw.
zu  sich  nehmen.  Angesichts  solcher  Zustände  fragt  man,  was  soll
geschehen?  Trotzdem  ich  das  vorliegende  Problem  seit  Jahr  und  Tag