166  Bürgermeister  v.  Hollander.

schreienden  Mißständen,  die  hier  aufgetreten  sind,  und  die  uns  zum
Teile  auch  schon  bekannt  waren,  Abhilfe  geschaffen  wird.

Ich  muß  nun,  wenn  ich  mich  speziell  über  die  sogenannte  Schul-#eisung
  kurz  äußern  will,  zunächst  meinem  verehrten  Kollegen  aus

orms  insofern  entgegentreten,  als  ich  nicht  der  Ansicht  bin,  daß  die
Schulspeisung  durch  Ferienkolonien  und  Walderholungsstätten  ersetzt
werden  kann.  Es  wird  auch  hier  heißen,  das  eine  tun,  aber  das  andere
nicht  lassen.  Erholungsstätten  und  Ferienkolonien  sind  ganz  gewiß  vortreffliche
  Einrichtungen,  und  sie  bedürfen  des  weiteren  Ausbaues.  Gegenüber
  der  festgestellten  Unterernährung  zahlreicher  Kinder  aber  werden
diese  Einrichtungen  nicht  genügen.  Die  Kinder  werden  auch  während
der  Schulzeit  die  notwendige  Ernährung  empfangen  müssen,  und  die
Allgemeinheit,  die  Gemeinde,  Versicherungsanstalten  und  dergleichen
erdessh  der  Verpflichtung  nicht  entziehen  dürfen,  auch  hier  Abhilfe
u  schaffen.
Die  Frage  wird  nun  sein:  Wie  kann  das  geschehen?  Da  möchte
icch  mir  erlauben,  auf  einen  Gesichtspunkt  aufmerksam  zu  machen,  den
für  sehr  wichtig  halte.  Ich  meine,  die  sogenannte  Schulspeisung
darf  nicht  Einrichtung  der  Schule  sein  und  sie  darf  auch  nicht
im  Schulhause  stattfinden.  Ich  glaube,  daß  darauf  sehr  großes
Gewicht  zu  legen  ist.  Es  ist  heute  schon  betont  worden  —  und  i
kann  mich  dem,  was  Herr  Agahd  nach  dieser  Richtung  gesagt  hat,
nur  vollkommen  anschließen  —  wir  haben  vor  allen  Dingen  die  Verpflichtung,
  das  Familienleben  aufrecht  zu  erhalten.  Dort  sind  die
starken  Wurzeln  unserer  Kraft,  und  nur  wenn  es  gelingt,  das  Familienleben
  nach  jeder  Richtung  hin  zu  stützen  und  aufrecht  zu  erhalten,  dann
wird  es  gelingen,  unserem  Volke  die  große  Zukunft  zu  sichern,  die  wir
ihm  erhoffen.  Wenn  wir  aber  die  Speisung  in  der  Schule  stattfinden
lassen,  wenn  wir  dem  Ziele  zusteuern,  immer  mehr  und  mehr  die  ganze
Erziehung,  auch  die  leibliche  Ernährung,  die  Bekleidung  in  die  Schule
zu  verlegen,  dann  wirken  wir  mit  an  der  Zerstörung  des  Familienlebens.

Wir  haben  in  Mannheim  auf  dem  Gebiete  der  Schulspeisung  schon
bei  der  Frühstücksverteilung  Erfahrungen  gemacht.  Wir  verteilen  seit
vielen  Jahren  Frühstück,  Milch  und  Brötchen,  an  die  Schüler  im  Schulhaus,
  und  ich  trete  dem  auch  gar  nicht  entgegen,  das  kann  selbstverständlich
  nicht  anders  sein,  denn  die  Kinder  empfangen  ja  das  Frühstück
  unmittelbar  vor  Beginn  der  Schule.  Es  wird  das  nur  in  der
Schule  stattfinden  können.  Aber  es  hat  sich  doch  gezeigt,  daß  diese
Frühstücksverteilung  immer  größeren  Umfang  annimmt,  und  vielleicht
einen  größeren  Umfang,  als  durch  die  Notwendigkeit  geboten  ist,  weil
eben  jede  Mutter  doch  sagt:  andere  bekommen  das  Frühstück  in  der
Schule,  warum  soll  mein  Kind  es  nicht  bekommen?  Infolgedessen  wird
der  Zudrang  mit  jedem  Jahre  größer.  Unter  26000  Schulkindern
empfangen  jetzt  schon  4000  dieses  Frühstück  in  der  Schule,  und  dem
Zudrange  kann  eben  nur  ganz  außerordentlich  schwer  entgegengetreten
werden.  Das  gleiche  würde  #4  bei  der  Mittagspeisung  zeigen.  Das
Mittagessen  muß  meiner  Ansicht  nach  den  wirklich  hungernden
Kindern  verabfolgt  werden,  und  wir  werden  mit  der  Zeit  dazu
schreiten  müssen,  es  denen  zu  geben,  die  wirklich  unterernährt  sind