Alter  der
Runenzeichen.


Die  germanische  Runenschrift.

Der  römische  Schriftsteller  Tacitus,  dem  wir  die
meisten  Nachrichten  über  die  Germanen  aus  dem
ersten  christlichen  Jahrhundert  verdanken,  bezeugt

uns,  dass  die  germanischen  Stämme  geheimnisvolle

Schriftzeichen  besassen,  die  von  den  Priestern  in
die  abgetrennten  Zweige  eines  Fruchtbaumes  eingeschnitten
  wurden.  Diese  Holzstücke  wurden  dann
über  ein  weisses  Gewand  zerstreut  und  unter  Gebeten
  drei  davon  aufgehoben,  aus  denen  je  nach
den  darauf  befindlichen  Zeichen  geweissagt  wurde.
Doch  dürfen  wir  bei  diesen  Schriftzeichen  schwerlich
  an  die  sog.  Runen  denken,  deren  Entstehung
wohl  später  anzusetzen  ist.  Ausdrücklich  erwähnt
diese  erst  ein  lateinischer  Schriftsteller  des  ausgehenden
  sechsten  Jahrhunderts,  Venantius  Fortunatus,
  der  in  einem  Gedichte  einen  Freund  auffordert,
  ihm  entweder  lateinisch  oder  in  einer  anderen
  Sprache  zu  schreiben;  er  könne  ja  mit  „barbarischen
  Runen“  auf  Holztafeln  oder  einem  glatten
Holzstabe  schreiben.

Aber  unsere  Zeugnisse  für  das  Alter  der  Runen
gehen  noch  in  ältere  Zeit  zurück.  Die  frühesten
Funde  in  gotischer  Sprache  (die  Speerspitzen  von
Kowel  und  Müncheberg  und  der  Bukarester  Ring)
sowie  die  ältesten  nordischen  Funde  stammen  'aus
archäologischen  Gründen  sicher  aus  dem  Ende  des
vierten  Jahrhunderts.  Indes  müssen  die  Goten  die
Runen  noch  früher  gekannt  haben,  da  Ulfilas
(311--383,  s.  $  4)  zwei  Runenzeichen  in  sein  neu
erfundene,  gatisches  Alphabet  aufgenommen  hat,

nämlich  [})  —  u  und  A  =  0,  und  ausserdem  die