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Jeder  Dichter  wollte  doch  nicht  bloss  in  seiner
Heimatgegend,  sondern  soweit  die  deutsche  Zunge
reichte,  gelesen  und  verstanden  werden.  Deshalb
vermeiden  die  grossen  Dichter  wie  Gottfried  von
Strassburg,  Walter  von  der  Vogelweide,  Wolfram
von  Eschenbach  und  andere  (s.  $  ı3)  das  grob
Mundartliche  so  sehr,  dass  wir  bei  Walter  z.  B.,
dessen-  Heimat  nicht  sicher  feststeht,  dieselbe  aus
seiner  Sprache  nicht  ermitteln  können.  Aber  eine
einheitliche  Gestaltung  der  Schriftsprache  ergab
sich  aus  diesen  Bestrebungen  nicht,  wenn  auch  die
kritischen  Ausgaben  mittelhochdeutscher  Dichtungen
eine  normalisierte  Sprache  zeigen,  die  nur  auf
Rechnung  der  Herausgeber  zu  setzen  ist,  die  Handschriften
  zeigen  ein  weit  bunteres  Bild  in  ihrer
sprachlichen  Form.  Die  Frage,  ob  eine  einheitliche
  Schriftsprache  in  mittelhochdeutscher  Zeit  bestand,
  gehörte  eine  Zeitlang  zu  den  heissumstrittensten
  Problemen  der  germanistischen  Wissenschaft.

Heute  darf  es  als  entschieden  gelten,  dass  wir
eine  solche  Schriftsprache  nicht  nachweisen  können,
dass  vielmehr  jeder  Schriftsteller  sich  seiner  heimatlichen
  Mundart  bediente,  deren  gröbste  Eigentümlichkeiten
  er  durch  seine  Kenntnis  anderer
Schriftwerke  oder  infolge  seiner  Wanderungen  abgeschliffen
  hatte.  Auch  dürfen  wir  nicht  vergessen,
dass  die  verschiedenen  Dialekte  sich  noch  viel
näher  standen  wie  heute,  besonders  im  Vokalismus,
so  dass  sich  Ober-  und  Mitteldeutsche  leicht  verstehen
  konnten,  was  bei  den  heutigen  Mundarten
ausgeschlossen  ist  (vgl.  auch  $  28.).  Daher  war
zu  ınhd.  Zeit  eine  einheitliche  Schriftsprache  kein
solches  Bedürfnis  wie  beim  Beginn  der  nlıd.  Periode.