Nebenton
auf

schweren

Endungen.

—  116  ---Konjugation

  nech  grössere  Mannigfaltigkeit  —  man
denke  z.  B.  nur  an  die  vom  Singular  verschiedene
Pluralform  bei  dem  Präteritum  der  starken  Verben
—  und  dabei  doch  ein  fest  gefügtes,  auf  uralter
Grundlage  beruhendes  Systeın,  das  später  durchbrochen
  wird  und  daher  im  Nhd.  nicht  mehr  in
der  früheren  Regelmässigkeit  erhalten  is.  Vom
Standpunkt  des  Sprachforschers  mag  dies  zu  bedauern
  sein,  vom  praktischen  Gesichtspunkte  betrachtet,
  stellt  die  Verminderung  der  Formen  eine
Vereinfachung  und  somit  einen  Fortschritt  im  Leben
der  Sprache  dar.

Ss  16.

Wortton  und  Verskunst  im  Mittelhoch-‘deutschen.


Die  Grundzüge  der  ahd.  Betonungsweise,  die
wir  oben  im  $  ıo  entwickelt  haben,  bleiben  auch
im  Mhd.  fortbestehen  ;  indes  bewirkte  die  fortschreitende
  Verstärkung  des  Haupttons,  mit  dem  die  Abschwächung
  der  schwachbetonten  oder  unbetonten
Nebensilben  Hand  in  Hand  ging,  dass  der  Nebenton
  zurücktritt  und  sich  nur  in  bestimmten  schwereren
  Ableitungssilben  noch  in  alter  Kraft  erhält.
Solche  Ableitungssilben  sind:  -aere  in  scribaere
„Schreiber“,  -ing  :  fündeling  „Findling‘“,  -unge:
wärnlinge  „Warnung“,  -isse  :  gedäehtnisse  „Gedächtnis“,
  -sal  :  trüebesäl  ‚Finsternis‘  (daneben  dihsel
„Deichsel‘‘  ohne  Nebenton),  -inne  ::  vürstinne  ‚‚Fürstin‘“,
  -lin  :  fingerlin  „Fingerlein“.  In  den  genannten
Endsilben  ist  infolge  des  starken  Tieftons  bis  heute
der  volle  Vokal  erhalten  geblieben.