Jüngere
volksmässige

Dichtung.

—  122  —

liebe  falsch  betont.  Allerdings  nähert  sich  das
jüngere  Hildebrandslied,  wenn  auch  von  einem
kunstmässigen  Dichter  aufgezeichnet,  doch  nach
Inhalt  und  Stil  sehr  der  Volksdichtung,  die  im
Gegensatz  zur  Kunstlyrik  die  alten  Ueberlieferungen
  der  echt  deutschen  Verskunst  bewahrt:  die
Zahl  der  Hebungen  bleibt  massgebend,  die  Senkungen
  sind  beliebig;  auch  die  Ausfüllung  eines
ganzen  Takts  durch  eine  Silbe  findet  sich.  Von
diesem  Brauch  bewahrt  Jdas  Volkslied  bis  heute
noch  viele  Spuren.  Man  betrachte  z.  B.  den  Anfang
  des  mhd.  Volkslieds  auf  den  sächsischen  Prinzenraub
  iın  Jahr  1455:

Wir  wollen  ein  Liedel  heben  an,
Was  sich  hat  angespunnen,
Wies  in  dem  Pleissnerland  gar  schlecht  war
bestallt,
Als  sein  jungen  Fürsten  geschach  gross  Gewalt

Durch  den  Kunzen  von  Kaufungen  ....

Es  dürfte  äusserst  schwer  sein,  diese  für  den
Gesang  bestimmten  Verse  in  ein  regelmässiges
Schema  zu  bringen.  Nicht  einmal  die  Zahl  "der
Hebungen  ist  in  den  einzelnen  Versen  dieselbe  ;
die  Zahl  der  Senkungen  ist  ganz  und  gar  willkürlich.
  Eine  grössere  Regelmässigkeit  zeigt  der  Aufbau
  der  Verse  in  dem  etwas  späteren  Landsknechtslied
  auf  die  Schlacht  bei  Pavia  (1525):

Was  wöll  wir  äber  heben  än,

Ein  neües  Lied  zu  singen

Wohl  vön  dem  König  aüs  Frankreich
Mailänd  das  wöllt  er  zwingen...  .