verwirklichen,  Zartgefühl,  Zerrbild  u.s.  w.  stammen
von  ihm.  Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  auch
unsere  grossen  Dichter  sprachschöpferisch  tätig
waren  und  manches  Fremdwort  verdrängen  halfen;
so  schuf  Lessing  das  Wort  empfindsam,  Goethe
gab  uns  Äleinleben,  Wahlverwandtschaft  u.  a.

In  unserer  Zeit  hat  das  neu  erwachte  Volksgefühl
  mächtig  dazu  beigetragen,  die  weitesten
Kreise  dem  Kampf  gegen  die  entbehrlichen  Fremdwörter
  günstig  zu  stimmen.  Den  Anstoss  zu  einer
weitgehenden  Bewegung  dieser  Art  gab  die  Gründung
  des  Allgemeinen  deutschen  Sprachvereins

durch  Hermann  Riegel  zu  Braunschweig  im  Jahre‘

1885.  Der  Verein  verfügt  über  eine  eigene  Zeitschrift
  zur  Verbreitung  seiner  Gedanken;  ausserdem
hat  er  eine  Reihe  von  Verdeutschungswörterbüchern
herausgegeben.  Wenn  auch  nur  ein  Teil  seiner
Vorschläge  bis  jetzt  in  der  Allgemeinheit  durchgedrungen
  ist,  so  lässt  sich  doch  nicht  bestreiten,
dass  das  Bestreben,  Fremdwörter,  und  nicht  nur
entbehrliche,  durch  deutsche  Ausdrücke  zu  ersetzen,
feste  Wurzeln  im  deutschen  Volke  gefasst  hat.
Schon  spricht  man  nicht  mehr  vom  Veloziped  wie
anfangs,  sondern  vom  Zahrrad  oder  kurz  Rad,  das
Automobil  wird  zum  Selbstfahrer  (Kraftwagen,  auch
kurz  Fahrzeug),  der  Chauffeur  wird  zum  Fahrer,
die  Garage  zum  Zinstellraum,  um  nur  die  neusten
Verdeutschungen  zu  erwähnen.  Auch  die  Behörden
  haben  sich  diesem  Einflusse  nicht  mehr
entziehen  können,  und  so  sehen  wir  z.  B.  bei  der
Eisenbahnverwaltung  das  Billet  der  Fahrkarte,  das
Koupee  dem  Abdtell,  den  Perron  (der  übrigens
frz.  le  quai  heisst)  dem  Bahnsteig  u.  s.  w.  weichen.
Die  Post  hat  zwar  den  T7elegraph  behalten,  aber

19.  Jahrhundert.
