Rechtsprache.

  Die  Freiheit  der  Schreiber  hatte  aber
auch  ihre  Nachteile,  die  Orthhographie  geriet  dadurch
in  Verwirrung;  man  erinnerte  sich  zwar  der  altüberlieferten
  Schreibung,  versuchte  sie  indes  mit
der  veränderten  Aussprache  in  Einklang  zu  bringen.
Diese  Versuche  dauerten  noch  fort,  als  die  Buchschreibung

  gruckerkunst  und  die  Ausbildung  der  Schriftund

  Buchdrucker-

  sprache  die  Rechtschreibung  für  lange  Zeit  festkunst.



Jakob
Grimms
Standpunkt.


legten,  indem  die  neuentstandene  Gemeinsprache
die  halb  historische,  halb  phonetische  Schreibung
übernahm,  die  zur  Zeit  ihrer  Ausbildung  bestand.
Natürlich  blieb  diese  Rechtschreibung  die  Jahrhunderte
  hindurch  nicht  ganz  dieselbe;  Schriftsteller
  und  Grammatiker  besserten  Einzelnes  an
ihr;  die  gröbsten  Unarten,  wie  die  Häufung  der
Doppelkonsonanten,  verschwanden  im  Laufe  der
Zeit.  Dafür  traten  andere  Entstellungen  auf,  z.  B.
die  Schreibung  y  für  i  in  dem  Diphthong  ei  (ai);
die  noch  zu  Anfang  des  19.  Jahrhundert  sehr  bcliebt
  war.  Damals  schrieb  man:  seyz,  May  u.  s.  w.
und  noch  heute  erinnern  viele  Eigennamen  an  diese
Mode:  Bayernneben  Baiern,  Rheydt,  Mayen  (Städte
in  der  Rheinprovinz),  Speyer,  Heyne  neben  Heine
(Familiennamen).  Alle  Reformversuche,  die  man
an  der  Rechtschreibung  vornahm,  mussten  so  lange
im  Dunklen  tappen,  bis  der  Aufschwung  der
deutschen  Sprachwissenschaft  im  ı9.  Jahrhundert
ihnen  einen  festen  Boden  gab.  Aber  selbst  ihr
Begründer  Jakob  Grimm  nahm  noch  einen  ganz
eigentümlichen  Standpunkt  in  der  Frage  der
deutschen  Rechtschreibung  ein.  Da  er,  wie  fast
alle  Sprachforscher  jener  Zeit,  die  Ansicht  vertrat,
die  jüngere  Entwicklung  der  Sprache  stelle  eine
Entartung  dar,  so  musste  er  notgedrungen  die