36  Sinnesorgane.

der  Lichtstrahlen  zu  einem  Bilde  nicht  auf  dem  lichtempfindlichen  Teil  der
Netzhaut  stattfindet.  Solche  Fehler  können  angeboren  sein,  sie  können  aber
auch  erworben  werden  und  zwar  sowohl  durch  einseitige  Arbeit,  welche  das
Auge  übermäßig  anstrengt,  als  auch  durch  chronische  Blutüberfüllung  desselben
die  schließlich  Formveränderungen  zur  Folge  hat.

Beim  Sehen  in  die  Ferne  reicht  das  normale  Auge  aus,  d.  h.  es  vermag
ohne  besondere  „Einstellung“  ein  scharfes  Bild  auf  seiner  Netzhaut  zu  erzeugen;
beim  Sehen  in  der  Nähe  aber  muß  eine  stärkere  Lichtbrechung  eintreten,  um  in
geringerer  Entfernung  dasselbe
Bild  zu  gewinnen.  Dazu  verhilft
  die  Linse,  welche  ihre
Wölbung  zu  verändern  vermag
und  dadurch  an  Brechkraft
gewinnt.  Man  nennt  die  Anpassungsfähigkeit
  an  diese  Nähe
des  lichtgebenden  Gegenstandes
die  Akkommodationsfähigkeit
  der  Linse.  Sie  nimmt
mit  beginnendem  Alter  ab,
daher  die  Weitsichtigkeit  der
alten  Leute.  Bei  Naharbeit

Z  «  mußdieLinsestärkerakkom-Fig.
  22.  Senkrechter  Schuitt  durch  die  Augenhöhle.  modieren,  strengt  sich  also

1  Sehnerv.  2  Hornhaut.  2“°  Harte  Augenhaut.  3  bei  ei  Tätia-3
  Vordere  Augenkammer.  4  Lrfe  5  Gugenbaut  mehr  an  als  bei  einer  Tätiga
  Stirubein  mit  der  Stirnhöhle  und  dem  Fort=  keit,  bei  welcher  das  Auge

satz,  welcher  das  Dach  der  Augenhöhle  bildet.  s·
b  Knöcherner  Boden  der  Augenhöhle,  vom  Ober-  ohne  besondere  Einstellung

lieferknochen  gebildet.  c  Stirnhaut.  d,  d"  Augen=  mehr  für  die  ganze  Umgebung

lider.  e  Umschlagsfalte  der  Bindehaut.  Hebe-  ;v  ie  Fr.
muskel  des  oberen  Augenlides.  9  Oberer  #  wirkt.  Daher  auch  die  Erc


Augenmuskel.  8“  Unterer  gerader  Angenmuskel.  müdung  nach  langem  Lesen,
h  Durchschnitt  des  unteren  schrägen  Augenmuskels.  Nähen,  Sticken,  und  die  allmähliche

  Erschlaffung  aller
Organe  des  Auges,  wenn  solche  Anspannung  der  Muskeln,  der  Linse  und
des  Augenneros  dem  Auge  durch  Naharbeit  zu  lange  zugemutet  wird,  oder
wenn  dieses  bei  allgemeinem  Blutmangel  ungenügend  ernährt  ist.

Es  entsteht  demnach  das  Bild  eines  entfernten  Gegenstandes  in  unserem
Auge,  der  Sehakt  selbst  aber  findet  im  Gehirn  statt;  denn  erst,  wenn  uns
das  Bild  bewußt  wird,  „sehen“  wir.  Wir  erblinden  also  vollständig,  wenn
der  Sehnerv  versagt,  trotz  wohlgebildetem,  klarem  Auge,  und  wir  sind  imstande,
gewissermaßen  nur  mit  dem  Gehirn  zu  sehen,  unter  Ausschluß  des  Anges,
wenn  besondere  Reizung  des  Gehirus  im  Fieber  oder  bei  Geisteskrankheiten
stattfindet.  Man  spricht  dann  von  Sinnestäuschungen,  Halluzinationen,  Visionen.

Fig.  22  veranschaulicht  uns  das  Auge  mit  allen  seinen  Teilen.