48  Ernährung.

steht.  Ein  Heer  von  kleinen  und  großen  Krankheiten!  Daher  auch  der  oft
nur  künstlich  erregte  französische  „Appetit“,  wo  gesunder  Hunger  fehlt,  und
der  Glaube  der  verweichlichten  Kulturmenschen  an  die  Notwendigkeit  der  erregenden
  Gewürze  und  Reizmittel,  ohne  welche  der  Appetit  nicht  einmal  mehr
zustande  kommt.  Die  Frauen  haben  an  dieser  Richtung  des  Geschmacks  viel
schuld,  da  sie,  um  flüchtiges  Behagen  zu  erzeugen,  zu  gerne  dem  Ganmen
schmeicheln  und  die  Schwächen  der  Ihrigen  mit  Sorgfalt  pflegen,  statt  eine
bessere  Magenhygiene  einzuführen.  Sie  urteilen,  ohne  den  menschlichen  Organismus
  zu  kennen,  ohne  Kenntnis  der  Nahrungsmittelchemie  zu  haben,  ohne
zu  ahnen,  wie  Krankheiten  entstehen.  Unser  Kapitel  soll  ihnen  die  Mittel
geben,  mit  anderen  Kenntnissen  in  Küche  und  Haus  zu  wirtschaften!

Belehrend  ist  die  Geschichte  eines  etwa  zehn  Monate  alten  Kindes,  dessen
Pflegerin  und  Tante,  von  dem  Gespenst  der  Unterernährung  verfolgt,  —
man  versteht  darunter  im  Gegensatz  zur  überernährung  einen  Zustand
mangelhafter  Ernährung,  mit  Erscheinungen  eines  gewissen  Verfalls  verbunden
  —  dasselbe  folgendermaßen  nährte:  Milch,  soviel  es  nur  schlucken
wollte,  täglich  drei  Eier,  Fleischbrühe,  Kraftzwieback.

Wie  sah  das  Kind  bei  solcher  Nahrung  aus?  Es  erinnerte  tatsächlich
an  ein  gemästetes  Ferkelchen!  Die  Gliedmaßen,  der  Kopf  quollen  gleichsam
aus  den  Fettmassen  hervor,  das  Kind,  groß  und  schwer,  lag  allein  und  stillvergnügt
  halbe  Tage  lang  in  seinem  Bettchen,  von  Laufen  noch  keine  Spur
(aufgehoben  durfte  es  nicht  werden!);  die  Haut  zeigte  zahlreiche  verkratzte
Stellen  und  rote  Flecken,  welche  von  einem  juckenden  Ausschlag  herrührten,
der  aber  seine  Pflegerin  keineswegs  bedenklich  machte.  Auch  das  dicke  Gesichtchen
  war  voll  von  Flecken.  Aber  das  schadete  nichts.  Das  Kind  wurde
als  Muster  von  „Kraft“  und  gelungenem  Wachstum  gezeigt,  und  man  war
überzeugt,  daß  Milch,  Eier  und  Fleischbrühe  bei  richtiger  Anwendung  Wunder
tun.  Daß  Fettsucht  Krankheit,  so  wenig  Bewegungstrieb  bei  einem  zehn
Monate  alten  Kinde,  das  sonst  kräftig  ist,  kein  gutes  Zeichen  war,  der  Ausschlag
  ferner  mit  abnormen  Vorgängen  im  Darm  zusammenhängen  mußte  und
nicht  eine  Außerung  der  großartigen  „Gesundheit“  des  Kindes  war:  dies  zu
erkennen  war  die  Tante  weit  entfernt.  Noch  sei  bemerkt,  daß  die  Mutter  des
Kindes  lungenkrank  war  und  die  Fettsucht  des  Kindes  wohl  auch  auf  vererbte
krankhaste  Anlagen  zurückzuführen  sein  mochte.  Um  so  mehr  hätte  es  eine
ganz  andere  Diät  und  Gelegenheit  zu  reichlicher  Bewegung  haben  müssen.
(Siehe:  Zweiter  Teil,  das  „Kind“.)

Ein  zweites  Beispiel!  Eine  blutarme,  nervenschwache  Frau,  stets  nur
mit  ihren  Zuständen  und  ihren  Bedürfnissen  beschäftigt,  immer  leidend,  aber
von  der  Wichtigkeit  ihrer  Maßnahmen  durchdrungen,  trank  morgens  nüchtern
ein  rohes,  in  Zuckerwasser  gequirltes  Ei,  später  dick  eingekochten  Kakao  mit
Buttersemmeln,  vormittags  rohen  Schinken,  dann  ein  Mittagessen  mit  Fleischbrühe,
  Braten,  Gemüse,  Kompott,  nachmittags  Kaffee  mit  Buttersemmeln,