94  Nahrungsmittel.

Die  Gewürze.

In  der  Küche  aller  Völker  finden  wir  Pflanzenteile  in  Verwendung,
die  nur  in  kleinen  Mengen  in  Verwendung  kommen,  nicht  dem  Ernährungszwecke
  dienen,  sondern  nur  der  Geschmacksanregung.  Man  nennt  sie  „Gewürze“
  und  nimmt  sowohl  allerlei  Kräuter  von  scharfem  Geruch  und  Geschmack
als  auch  Körner  und  Samenhllen,  fein  pulverisiert,  dazu.  Sie  üben  zuerst
auf  Zunge  und  Gaumen  einen  starken  Reiz  aus  —  man  denke  nur  an  Pfeffer
und  Paprika  —  dann  aber  reizen  sie  auch  Magen=  und  Darmnerven,  bis  sie
durch  Darm  und  Nieren  wieder  glücklich  ausgeschieden  werden.  Da  die
Geschmacksnerven  um  so  reizbedürftiger  werden,  je  kultivierter  und  geschwächter
ein  Volk  ist,  so  finden  wir  in  unserer  heutigen  feinen  Küche  auch  eine
überraschende  Kombination  von  Würzen  aller  Art,  ohne  welche  „richtiges
Kochen“  gar  nicht  mehr  möglich  erscheint.  Daß  die  Gewohnheit  gerade  beim
Würzen  eine  große  Rolle  spielt,  wird  jedermann  gerne  zugeben,  der  sich  selbst
nur  ein  klein  wenig  beobachtet  hat;  andererseits  wird  mancher  Nervöse  auch
schon  bemerkt  haben,  daß  er  die  Würze  vergaß,  wenn  er  sich  einmal  eines
gesunden,  kräftigen  Hungers  erfreute.  Die  zahlreichen  künstlichen  Gewürze
sind  tatsächlich  nur  eine  Peitsche  für  den  geschwächten  Magen  und  dienen  nur
zur  Selbsttäuschung.  Der  natürliche  Hunger  des  gesunden  Menschen,  der
Muskelarbeit  kennt,  macht  sie  überflüssig,  um  so  mehr,  als  viele  Pflanzen  und
Früchte  aromatische  Bestandteile  enthalten,  welche  eine  anregende  Wirkung
besitzen,  das  Verdauungsgeschäft  befördern  und,  da  man  keinen  anderen  Zweck
in  ihnen  erkennen  konnte,  deshalb  auch  „Genußstoffe“  genannt  werden.  Bei
einfacherer  Ernährung  bedarf  man  also  nicht  erst  vielfacher  Zusätze.

Je  hygienischer  man  lebt,  desto  mehr  wird  man  solche  natürliche  Würzen,
deren  Milde  angenehm  empfunden  wird,  bevorzugen,  und  wird  künstliche,
scharfe  Würzen,  die  schon  in  kleinsten  Mengen  stark  reizen,  möglichst  vermeiden.
  Natürliche  und  milde  Würzen  sind:  Fruchtsäfte  von  Zitronen,  Apfeln
usw.,  Fruchtschalen  von  Zitronen,  Orangen  usw.,  Kräuter  wie  Petersilie,
Schnittlauch,  Kresse,  Bohnen=  und  Gurkenkraut  und  andere,  auch  Knollen,
wie  die  heimische  Zwiebel,  die  in  Butter  gebacken  auf  Brot  gelegt  ganz  prächtig
schmeckt  und  auch  in  rohem  Zustande,  fein  zerhackt,  von  vielen  sehr  geliebt
wird  usw.  „Natürlich“  neunen  wir  sie  deshalb,  weil  sie  fertig  vorhanden
und  an  Nährstoffe  gebunden  sind,  also  nicht  nur  ihrer  Milde  wegen  auch  allein
verzehrt  werden  können.

Muskatnuß,  Zimmet,  Gewürznelken  sind  ganz  verschiedene
Pflanzenteile  und  von  viel  stärkerer  Wirkung  als  die  obengenannten.  In
kleinen,  fein  zerteilten  Gaben  und  selten  genossen,  werden  sie  nicht  schaden,
wohl  aber  die  Schmackhaftigkeit  gewisser  Gerichte  erhöhen.  Lorbeerblätter,